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2-on dir will ich reden, reizendste unter den Tugenden, duSchmuck aller zugleich, du schöne Bcschirmerin aller, Schwesterder cdeln Bescheidenheit, Mutter der holden Demuth — o Scham-haftigkeit!
Das Laster hat mancherlei Schmuck, in dem eS sich brüstet,Augen fesselt, Sinne lüstern macht. Wer von allen Sterblichenkönnte sonst irgend eine der Sünden lieben, irgend ein Verbrechenbegehen, wenn er nicht dazu durch mächtige Reizmittel verführtwürde, über deren Annehmlichkeit er das Gift vergißt, welchesihm in goldenen Schalen das Laster darrcicht? Aber die Tugendhat keinen andern Reiz, durch welchen sie gefallen will, alsihre eigene Schönheit; nicht erst geschaffen, nur erhöht wirddiese noch durch den Schleier, welchen zarte Verschämtheit umsie wirft.
Die Natur selbst hat ja jedem Menschen das Gefühl dessen,was wohlanständig ist, in die Brust gepflanzt. Es ist kein bloßesWerk der Erziehung. Auch die wildesten Völkcrstämme kennen es.Ja, wir scheinen es selbst bei vielen Thieren einheimisch zu finden,die das öffentlich zu thun vermeiden, was ekelhaft sein könnte.
Die Erziehung kann das edle Gefühl des Wohlanständigennicht erschaffen, sondern nur ausbilden; ihm im gesellschaftlichenLeben mehr Bestimmtheit geben, und seine Richtung leiten.
Es kostet daher in der That größere Mühe, diesen angeborncnzarten Sinn für das Schickliche, Schöne und Gute zu ersticken,zu vernichten, als ihn zu erwecken. Es gehört schon eine gräß-liche Uebuug dazu, und die abstumpfcndc Macht einer schändlichenGewohnheit, um daö Errötheu über Unanständigkeiten zu ver-lernen, und mit dem Ekelhaften ohne Scheu umzugehen. Immerwird noch oft und bei jedem Fortschritte diese Feuerröthe auf dieWangen zurückkehren. Denn die Schamhaftigkeit ist eine Tochterunscrs innern Richters — des Gewissens.