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eine Wahrheit verschwiegen und gegen schmeichlerische Lüge ver-tauscht! wie oft aus Liebe zum Schicklichen der Verleumdetenun mit verleumdet, der Verspottete nun mit verspottet, weilman sich nicht zum Schutzrcdner des Allgemcinverlachtcn aufzu-wcrfcn wagt! wie oft aus falscher Ehrerbietung das Lasterdes Vornehmen beschönigt, und die Verruchtheit des glücklichenBösewichts verherrlicht! Wie oft wird aus Höflichkeit geschwiegen,wenn die Unschuld verdächtigt oder verdammt wird, wo muthigeRede und Wahrheit besser geziemt haben würde!

Diese schändliche Erschlaffung, diese Eigcnthümlichkcit unsersZeitalters ist eine Wirkung von der Verkehrtheit der Begriffe,da man auf das vermeinte Wohlanständige einen allzuhohcnWerth setzt, und sich aus Liebe zur feinen Sitte des edeln Ge-müths selber schämt.

Noch gefährlicher aber ist die unmäßige Wcrthschätznng desGeziemenden, wenn man sich berechtigt hält, das Lasterhafte zuthun oder zu verzeihen, sobald cs mit einem gewissen Anstandgeschieht. Wie, kann den» die Perle den Koth adeln, den sicbedeckt? Kann die Schminke den faulenden Leichnam beseelen,dessen Antlitz sic rvthct? Ist das Laster nicht mehr Laster, wenncs mit Beobachtung äußerer Würde vollbracht wird?

Und doch blicke ich um mich her welch eine Welt! Wieviel tausend geheime oder offenkundige Verbrechen werden gcthanund geduldet, sobald sic nicht alle zu sehr das verletzen, wasAnstand geheißen wird! Ich sehe Wittwcn und Waisen um ihrGut betrogen, in ihren Rechten geschmälert aber cs geschiehtmit Achtung für das Acußcrlichc. Ich sehe die raubdürstigc Hin-terlist rechtmäßige Erben um ihr Gut verkürzen aber cs ge-schieht in schlauen NechtShändeln mit Beobachtung der Formen.Ich sehe öffentlichen Ehebruch, das Weib sich mit Schande cutehren, den Gatten unter Verworfenen buhlen aber es geschieht