Druckschrift 
6 (1853)
Seite
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Mißfallen von Personen des andern Geschlechts. ES ist uns nichtmehr ganz gleichgültig, ob wir denselben liebenswürdig dünken,oder gleichgültig sind. Ein verachtendes Urtheil derselben ist füruns demüthigender, als sonst.

Unter diesen wechselnden Empfindungen erwachen bald andereWünsche. Man will nicht nur mit Wohlgefallen, man möchtemit Bewunderung gesehen werden. Bald ist uns Beifall undSchmeichelei Aller nicht mehr gcnugthucnd. Es wird in unsererBrust eine Sehnsucht laut, unter Tausenden, die wir kennen,nur einer einzigen Person als das Theuerstc zu gelten; nureiner, die unser» eigenen Blick am meisten auf fich zog, nureiner, zu der wir uns unwillkürlich hingencigt fühlten, nureiner, von der wir ausschließlich und mit Innigkeit geliebt zusein wünschen, wie wir sic selbst lieben. Hier ist ein Augenblick,der unser» innern Frieden, unser bisheriges Glück, unsere Harm-losigkeit ans lange Zeit zu vergiften droht.

Dies ist die Wirkung des erwachten Gcschlechtstricbcs. Heildem, der noch Besonnenheit genug hat, sich im ersten Augenblickder aufwacheudcn und süßen stürmischen Neigung so weit zu er-mannen, daß er beschließt, sich ihr nicht blindlings und verblendetprciszugcbcn, sondern stets Herr seiner selbst bleiben zu wollen.Wer dies will und cs noch kann, ist schon halb gerettet. Wer,sich selbst vergessend, sich dem dunkeln und gefährlichen Hang über-läßt, wird mit namenlosen Schmerzen und tausend Thräncn büßen.

In einem solchen Augenblick des Lebens hängt unser Glückgar nicht davon ab, wovon wir von unser» Begierden, vonunserer schmeichelnden Einbildungskraft überredet werden, daß csabhängc! nämlich von der Gegenliebe derjenigen Person, andie sich alle Steigungen unserer Seele wenden; sondern davon,ob wir uns frei erhalten und Meister unserer selbst bleiben können;ob wir uns in einen wilden, betäubenden Rausch verlieren, oder