zugenauc Wahrhaftigkeit in Wort und That mit andern Pflichtenhöherer Art streiten.
Allerdings gibt eö Fälle, wo es eine größere Untugend wäre,die Wahrheit zu sprechen, als sie zu verhehlen. Wer würde nicht,wo ein kranker Familienvater, der die Stütze der Scinigen istund zwischen Leben und Tod schwebt, gern ihm dies Leben zuerhalten suchen durch freudige, beruhigende Nachrichten, statt ihmdie Wahrheit von der Schande eines seiner ungerathenen Kinderzu erzählen, und damit seine Tage jammervoll zn verkürzen?Zn Allem ist Vorsicht und Mast zu halten. Es gibt höherePflichten, welche oft die gering ern verdrängen. Es kommtnur darauf an, im gewöhnlichen Leben die höher» Pflichten alle-zeit zu erkenne», welche» die geringer» nachstchen sollen.
Es bedarf dazu keiner großen Weltkenntnis» und Lcbcnsklug-hcit, oder keines außerordentlichen Gedächtnisses, um immer dasVcrhältniß der größer» und kleinern Pflichten gehörig vor Augenzu haben. Nein, das Christenthnm ist keine Gelehrsamkeit, dieerst mühsam erlernt sein muß. Zesus Christus predigte sein Worteen Einfältigste» im Volk, und ward verstanden. Er wähltekeine Gelehrten zu seinen Jüngern, sondern Männer von geringerHerkunft und Erziehung. Und doch wurden sie groß und weisedurch sein Wort — durch das Wort, welches wir heute nochhaben, um uns dadurch weise und selig zu machen.
Es ist auch, um die höher» von den geringen! Pflichten zuunterscheiden, keines langen und scharfsinnigen Nachdenkens von-nöthcn, daß man wisse, ob cs in gewissen Fällen nützlicher sei,die Wahrheit zu reden oder zu verschweigen. Denn wer hat, woplötzlich im Leben gehandelt werden soll, immer Zeit zu einemlangen Ucberlegen, was das Nützlichste sein werde? Wer kannüberhaupt immer von seinen Handlungen wissen, ob ihre Wir-kung nützlich oder schädlich ausfällt? Und wer möchte endlichVI. 6»