178
glauben, daß das Nützliche jederzeit der Maßstab der Tugendsein könne? Das Nützliche, wie der Erfolg jeder That, hangtnicht vom Menschen ab. ES gibt Pflichte», die eben so erhabensind, daß sie uns in irdischer Rücksicht, statt Vorthcil, Verderbendringen. Es gibt Pflichten, welche die Aufopferung unscrs Habund Guts, ja die freudige Hingebung unserS Lebens fordern.Eben dadurch steigt die Tugend i» ihrem Werth, daß ihre Aus-übung uns Mühe kostet, indem wir dabei unsere Selbstsucht über-winden müssen.
Wie kann ich nun, ohne Nachdenken und Scharfsinn, ohneGelehrsamkeit und Weltkcnntniß oder Klugheit, jedesmal diehöher» Pflichten von den gcringcrn unterscheiden? Wie kann ichwissen, wo ich Wahrheit reden, wo ich sic verschweige» oder ver-hüllen soll? Die Frage ist mir sehr wichtig, da wohl zuweilenFalle eintrctcn, die mich zweifelhaft machen können.
Jesus Christus, dessen Lehren für den Weisesten, wie für denUnwissendsten gelten, fordert zu ihrer Ausübung keinen Scharf-sinn, keine Gelehrsamkeit, keine große Wcltkenntniß, sondern nurEins — und dies Eine ist Liebe. — Liebe Gott über Alles,und deinen Nächsten wie dich selbst; darin liegt dieHauptsnmmc aller Gebote. Der Liebe ist ja jeder Menschfähig, auch das Kindlcin an der Mnttcrbrnst. Die Liebe istimmerdar der sicherste Leitstern zu dem, was tugendhaft, gerechtund vor Gott und Menschen wohl gültig ist. Wer aus Liebehandelt, thnt dem nicht leicht Unrecht, mit dem er handelt.
Liebe Gott über Alles, und du wirst sogleich die Grenzedeiner Pflichten gegen die Menschen erkennen. Wer Gott liebt,wird nicht ans Mcnschcnfnrcht das Böse thun, was Menschenvon uns begehren. Wer Gott liebt, wird nicht das Verbrechenentschuldigen, nicht dem Laster Weihrauch streuen, nicht die Un-schuld verfolgen helfen. Wer Gott liebt, wird, wenn er auch