— M —
uns selbst ans diejenigen an sich geringfügig scheinenden Grundeunserer Neigungen oder Abneigungen Acht haben. Eben darumsind uns diese Kleinigkeiten gefährlich, weil wir gewohnt sind,sic nur Kleinigkeiten zn nennen, und sie als solche kaum einerAufmerksamkeit würdigen. — Aber für uns, für unsere Glück-seligkeit und Ruhe, sind sic keine Kleinigkeiten, sondern Sache»von der größten Erheblichkeit. Was ist denn klein, was groß?Alles hängt ja nur von Lagen, Umständen und Verhältnissen ab.Der Wasscrtropfcn ist klein, aber groß genug, einem gefülltenEimer endlich das Ucbermaß zum Ucbcrlaufcn zu geben.
Eben diese von uns übersehenen Kleinigkeiten können dasMeiste zu unserer Verschlimmerung beitragen. Schwebt nichtauch der Same des Unkrauts, gleich Sonnenstäubchen, im Haucheder Luft? Und doch erwachsen durch ihn zahlreiche, wuchernde,dem Ackcrfelde verderbliche Pflanze», welche alle andern gutenKeime ersticken helfen.
Es ist wichtig, dieser Kleinigkeiten zn achten. Denn sic sindcs, welche eben, weil wir uns gegen sic ani wenigsten bewah-ren, unserer Tugend die größten Gefahren bringen können. Man-cher hätte sich geweigert, eine schlechte Handlung zu begehen,und wenn man ihn dazu mit Anerbietung einer Tonne Goldesversucht hätte. Derselbe Mensch aber vollbrachte dennoch dieselbeschlechte That, weil er in einer besondcrn Gcmüthsstimmung ir-gend ein Wort hörte. Und das Wort, welches ihn reizte, über-wog die Tonne Goldes. Manche Unschuld, welche allen schänd-lichen Künsten der Verführung edel widerstanden hatte, ging ver-loren, da ein Bild, ein zufällig scheinender Einfall in unbe-wachten Augenblicken tiefen Eindruck machte.
Doch weder die Tonne Goldes, noch das Wort, weder dasBild, noch der zufällige Einfalt bewirkten das Unglück, sonderndie im Gemüth befindliche, uns selbst oft allzuwcnig bekannte