- 102 -
gesichts zum Hochgerichte wankt, ivril er im Jähzorn den Brudererschlug.
O Tochter, siche die entehrte Jungfrau, wie sic, eine Schmachihrer Verwandten, sich im heimlichen Gram verzehrt, weil sieallzulcichtsinnig dem schmeichelnden Verführer glaubte; siche jeneMutter, die von ihren eigenen Kindern verachtet wird, weil sicdurch Geiz, durch Rohheit, durch häusliche Unordnung ein Ekelder Welt geworden ist — alle diese Unglücklichen fühlten einstdie Warnungen des Gewissens, wie ihr sic empfindet, und wag-ten cs, sic zu verachten.
DaS Gewissen straft! Der gute Engel ist »ach dem Fehl-tritt entwichen; der böse Engel wacht mit seinen Qualen. Stattder harmlosen Freudigkeit schleicht die Furcht in das Herz. Nochnie ist auf Disteln eine gute Frucht gewachsen; noch nie hat eineüble That gute Folgen nach sich gezogen. Jahre lang kannst dudeine schändliche That verbergen, aber ihre Folgen gehen durchdie Ewigkeit und werden deine Vcrräthcr. Ein Ungefähr, einZufall, den du nie befürchtetest, eine Stunde, von der du cs amwenigsten vcrmuthen konntest, bringt deine Schande an dasTageslicht. Du bist nicht mehr sicher. Das alte schrecklicheSprichwort ist nur zu wahr: Es ist nichts so fein gesponnen, cskommt endlich an die Sonnen. Auch an dir wird cs sich crwahrcn!
Könnten wir manchen Menschen in seiner Einsamkeit sehen,wenn er von seinem bösen Gewisse» gefoltert dasitzt, wie ver-lassen von Gott und Menschen, und sich selbst verachten muß;wie er beim Anblick jedes Rechtschaffenen seine Verworfenheitfühlt; wie selbst ein Wort, unschuldig von Andern hingesprochcn,ein Dolchstich in seinem Herzen wird; wie jeder Umstand ihnaus seiner erkünstelten Sicherheit aufschrcckt! Wahrlich, dieSchlangenbisse der Reue schmerzen heftiger, als aller Vorthcil,Freude uns in der sündigen Stunde wohlthat.