63
Heiliger Gott! wie tief versinkt der Mensch unter seiner hohen,angestammten Würde, die Du ihm gabst, wenn er seinen Geistznm Raube seiner thicrischen Natur werden läßt; wenn er imwilden Leichtsinn, oder im stolzen Sclbstdünkel, oder im Wahn-sinn empörter Leidenschaften Deiner vergißt, o Schöpfer, oVater, o Richter der unsterblichen Geister; wenn er die Täu-schungen der Sinnlichkeit, das niedrige Thierleben und dessenLust höher achtet, eifriger sucht, als die Weisheit, welche Jesusdem Geschlecht der Sterblichen brachte, um cs zu Dir, zu seinereigenen Würde, zum höchsten Entzücken zu erheben!
Heiliger Gott! Heilig sind auch die kleinsten Triebe, welcheDu als Reizmittel zu unserer Vervollkommnung in unsere irdischeNatur legtest. Nur der Mensch entweiht sic in falschen Anord-nungen, und trübt die reinen Quellen, ans welchen ihm dassüßeste Glück strömen sollte.
O wie viel des menschlichen Elends stammt aus den mensch-lichen Thorhcitcn! — Daß ich das immer so lebendig, wie indiesem Augenblick erkennen möchte, damit ich nicht durch Dingedie oft verzeihlich zu sein scheinen, mir späte Neue mache! —Nein, cS ist nicht Alles verzeihlich, was kein irdischer Richterstrafen darf und will. Jesus lehrte es, mein Gewissen bezeugecs. Gib mir Besonnenheit, gib mir Kraft, jede Hcrzensschwächein mir zu besiegen: so werde ich weniger Sünden zu beweinenhaben, und Deiner Gnade froher sein! Amen.