Druckschrift 
6 (1853)
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

4 »

Aus dieser Unnatürlichkeit und Entartung des Verschönerungs-tricbcs können wir uns die Erscheinungen jener schnell wechseln-den, oft geschmacklosen, oft unzüchtigen, oft ekelhaften Kleidcr-trachten und Verzierungen erklären, die unter dem Namen derModen bekannt genug sind. Nicht Allen steht Alles wohl an;sondern jede Gestalt, jedes Alter fordert eine eigene Art desVerschönerns, um gefällig dazustchcn. Daher läßt sich schon vor-aus berechnen, daß eine neue Kleidcrsittc nicht zum Vorthcil jeg-licher Person sei, und daß diejenigen, welche sie blindlings an-nchmcn, in dieser Geschmacklosigkeit nur ihre schwache Urtheils-kraft, in der Begierde darnach ihre putzsüchtige Eitelkeit, undin der oft darin sich äußernden Vcrgessung des Sittsamen denMangel an wirklicher Schamhaftigkeit bezeugen, welche des Wei-bes liebenswürdigste Tugend ist.

Die Kleidertrachtcn wechseln. Was unter dem Monde ist be-ständig? Und warum sollte das Allernichtigstc die Ausnahmevom allgemeinen Gesetze machen? So verdamme denn Niemandden Wechsel und das Spiel der Mode, aber die Verletzung derScham, der Zucht und des Geschmacks in derselben. Ein Frauen-zimmer von cdelm, bescheidenem Sinn, von jener schönen Dc-muth, die Jesus empfiehlt, wird die herrschend gewordenen Sit-ten und Trachten allerdings annehmcn, aber aus ehrwürdigem!Beweggründe, als das putzsüchtigc Weib. Es nimmt sic an,um sich nicht auszuzeichncn, um nicht aufzufallen. Es ergreiftdieselben nicht aus eitler, blinder, alberner Nachäfferei, ohnePrüfung, was seinem Alter oder seiner Gestalt, oder seiner Denk-art angemessen sei, sondern cs weiß selbst in sie den Adel vonEmpfindungen und die Würde eines Herzens überzutragen, durchwelche es die Hochachtung und Liebe der bessern Menschen unwider-stehlich fesselt. Wer mag fordern, daß die sittsame, keusche Jung-frau der buhlerischen Entblößungen eines geilen Weibes bedürfe,VI. 2*