28
„Ja, mein Fürst," sagte Edith- „Aber es ist jetzt nicht Zeit,zu erklären, weshalb ich ihn sah — denn ich bin nicht hier,um mich zu vertheidigen, oder um Andere zu verklagen-"
„Und wo habt Ihr ihm diese Gunst erwiesen?"
„In dem Zelt Zhrer Majestät der Königin."
„Unserer königlichen Gemahlin," sagte Richard. „Nunbeim Himmel, bei St- Georg von England und allen Heiligenauf der krystallencn Himmelsflur, das ist zu vermessen! Ich habedieses Ritters ungebührliche Neigung zu einer, die so weit überihm ist, bemerkt und übersehen — und ich zürnte ihm nicht,daß eine Blutsverwandtin von mir von ihrem hohen Stand-punkt einen Einfluß ausübte, wie die Sonne auf die Weltunter ihr hat. — Aber Himmel und Erde! daß Ihr ihn zueinem Stelldichein zulassen konntet bei Nacht, in dem Zelteunserer königlichen Gemahlin, daß Ihr es wagen konntet, diesals eine Entschuldigung seiner Pflichtvergeffenheit und Un-treue vorzubringen, bei meines Vaters Seele, Edith, du sollstes dein Lebenlang in einem Kloster bereuen."
„Mein Fürst," sagte Edith, „Eure Größe erlaubt Euch Ge-waltstreiche. Meine Ehre, Herr König, ist so wenig angegriffenals die Eurige, und die Königin kann es beweisen, wenn siewill. Aber ich Hab' es schon gesagt, ich bin nicht hier, ummich zu vertheidigen oder Andere zu beschuldigen. Ich for-dere nur von Euch, daß Ihr auf einen, dessen Fehler dieFolge einer starken Versuchung war, jene Barmherzigkeit aus-dehnen möchtet, die Ihr selbst, Herr König, eines Tages voreinem höheren Richterstuhle anrufen müsset und für Fehler,die vielleicht weniger verzeihlich sind."
„Ist das Edith Plantagenet?" sagte der König mit Bitter-keit; „Edith Plantagenet, die verständige, edle? — oder ist cSein verliebtes Weib, der an ihrem eigenen Rufe nichts liegt.