Druckschrift 
13 (1851) Der Talisman
Entstehung
Seite
89
Einzelbild herunterladen
 

89

eigenthümlich, daß der Ritter bei der heißesten Leidenschaftnicht einmal daran gedachte, dem Gegenstand seiner Liebenachzuspüren oder ihm zu folgen, daß er von ihr die Vorstel-lung hatte, wie von einer Gottbeit, die für einen Augenblickihren ergebnen Verehrer ihrer Erscheinung gewürdigt habe,und dann wieder in ihr verborgenes Heiligthum zurückgekchrtsei oder wie von einem einflußreichen Planeten, der, nach-dem er zu glücklicher Stunde in heilverkündendem Lichte ge-strahlt, sich wieder in seinen Nebelschleier verhüllt habe. DieZuneigung der Dame seiner Liebe war für ihn die eines hö-heren Wesens, die sich äußerte, ohne Beaufsichtigung undZwang, die ihn durch ihr Erscheinen beglückte, durch ihre Ab-wesenheit betrübte, die ihn durch ihre Gewogenheit ermuthigte,durch ihre Kälte zur Verzweiflung trieb dies Alles nachihrem eigenen freien Willen und ohne alle weiteren Beschwer-den und Vorstellungen von Seiten des Ritters, der ihr nurBeweise von der innigsten Ergebenheit, seines Herzens undSchwertes ablegte, und der keinen anderen Zweck tm Lebenkannte, als den, ihre Befehle zu vollziehen, und ihren Ruhmdurch den Glanz seiner Thaten zu erhöhen.

So war die Regel des Ritterthums und der Liebe, welchedie vornehmste Grundlage desselben war. Aber Sir Ken-ncth's Neigung wurde noch durch weitere und sonderbarereUmstände romantisch. Er hatte niemals die Stimme seinerDame gehört, obgleich er ihre Schönheit oft mit Entzückenbetrachtet hatte. Sie gehörte einem Kreise an, dem er sich,vermöge seiner Ritterwürde, zwar nähern durfte, aber ohnesich hineinzubegeben, und obgleich er wegen seiner Kriegs-erfahrung und Kriegsthaten hoch ausgezeichnet stund, so warer, als armer schottischer Ritter, dennoch gezwungen, seinerGottheit aus einer Entfernung zu huldigen, die fast so groß