So leicht cs ist, in die Gefahr zu kommen, Andere zu ver-kennen, eben so leicht ist es, in die Gefahr zu gcrathen, allesmögliche Uebel zu stiften und stiften zu helfen.
Wenn du einen wohlgesinnten, rechtschaffenen Mann verkennst,und dich, vom Schein bethört, verführen lassest, ihn für schlechtzu halten! kannst du glauben, wenn er dies erfährt, da? cs ihnnicht tief und bitter kränken müsse? daß es ihn nicht schmerzenmüsse, wenn er auch nicht dergleichen thut?- Welche Freudekönnte es dir denn machen, wenn du einem Unschuldigen durchdeinen Verdacht, durch dein vorschnelles Verdammungsurtheileine schmerzliche Lebensstunde bringst? Bist du nicht ein Mörderan seinem Glück? Die Thräne des Unmuths, welche er oderseine Familie weint, fällt sie dir nicht zum Gericht? Und stehstdu die Folgen alle voraus, welche deine Ungerechtigkeit Hervor-bringen kann? Ist es etwas Unerhörtes, daß eine Person, diedas Unglück hatte, verkannt zu werden, dadurch das Opfer ihresgeheimen Grams geworden; daß dadurch ihre Gesundheit allmäliguntergraben, und die natürliche Frist ihres Lebens verkürzt wurde?Ach, wie mancher Unbesonnene ist durch seine Zunge, durch seinKlüger- und Befferscinwollen, durch sein voreiliges, gehässigesAbsprechen schon Mörder an der Lcbcnsruhe, an dem Lcbcnsglückenachher unschuldig befundener Personen geworden! — Wenn dasnicht deine Absicht war, warum bedachtest du dich nicht früher?Kann dein Bereuen hintcnnach das Geschehene ungeschehen, diegeflossenen Thräne» ungcflossen machen? Leichtsinniger, wenndich vielleicht der Arm weltlicher Obrigkeit wegen deines Ver-gehens nicht wohl züchtigen darf und kann, bildest du dir ein,daß für die gekränkte Unschuld kein Richter mehr lebt, und fürdeine verderbliche Zunge keine Strafe?
Ja, cs ist gefährlich, Andere zu verkennen, sie dadurchmenschenscheu und menschenfeindlich zu machen; ehemals gute.