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Es gehört ein ungewöhnlicher Grad von Unbefangenheit,Selbstverläugnung und Leidcnschaftlosigkeit dazu, und mehr noch,eS gehört eine unglaublich tiefe Mcnschenkenntniß dazu, um einesMenschen und seines Thuns und Treibens wahren Werth richtigbcurtheilcn zu können. Und also auch der unbefangenste, auchder erfahrenste Menschenkenner kann sich in hundert Fällen neun-undneunzigmal täuschen, und die Person, welche er, oder derenHandlungen er als tadelnswürdig verdammt, gänzlich verkennen.

Darum seid vorsichtig! Aftcrredet nicht unter einander, lie-ben Brüder," sagt der lchcnsweise Jesusjüngcr Jakobus;werseinem Bruder afterredet und urtheilet seinen Bruder, derafter-rcdet dem Gesetz und urtheilet das Gesetz. Urthcilcst du aberdas Gesetz, so bist du nicht ein Thäter des Gesetzes, sondern einRichter. Es ist ein einziger Gesetzgeber, der kannscligmachen und verdammen. Wer bist du, der dueinen Andern urtheilcst?" (Jak. 4, 11. 12.)

Nicht nur müssen wir als verständige Menschen uns hüten,durch vorschnellen oder nachplaudernden Tadel uns selber in Jrr-thum zu stürzen; sondern auch als billige, wohldenkeudeMenschen, als Christen uns vor der leicht möglichen Gefahr inAcht nehmen, Andere zu verkennen und dadurch in Verdruß undVerderben zu bringen. Denn es ist wahrhaftes Verbrechen gegenGottes- und Menschenliebe, einen Unschuldigen zu kränken; einenRechtschaffenen in Verdacht der Schlechtigkeit zu bringen; ausbloßem Vorurtheil gegen nützliche Unternehmungen zu arbeitenund sie zu Hintertreiben; durch eine falsche und voreilige Mei-nung ganzen Familien, vielleicht ganzen Gemeinden oder VölkernSchaden und Unheil zu bringen, und, ohne es zu wollen, viel-leicht aus bloßer Nachplaudcrei, für boshafte, undankbare Men-schen ein Werkzeug gegen sonst achtungswerthc und verdienstvollePersonen zu werden.