387
Man nimmt weniger Rücksichten in Thatcn und Worten, undbindet sich weniger an die Formen des Anstandes und der gesell-schaftlichen Uebercinkunft, wie man wohl im Oeffentlichen thunmuß. Wer durch zudringliche Neugier diese innere Sicherheitdes Hauses stört, wer durch Aussorschen und Weitcrsagen diekleinen Familiengcheimnissc den Menschen aufveckt, welchen wenigdaran gelegen sein sollte; der ist ein Verbrecher am häuslichenGlück des Nächsten; er ist Handlanger des schadenfrohen Ver-leumders , oder Verleumder selbst, weil er gewisse Dinge welt-kundig macht, welche nicht gcthan waren, um öffentlich zu er-scheinen , und daher Andern leicht Stoff zum mnthwilligeu Ge-spött oder zu nachtheiligcr Folgerung gewähren.
Und also steht in der Reihe der Verleumder Jeder, welcherdurch Urthcile, Nachrichten und Bemerkungen dazu beiträgt, daßunsere Achtung gegen irgend Jemand vermindert wird, ohne daßdieser vielleicht die Abnahme unserer Achtung verdient.
Wie aber kommt cs, daß viele, in mancher Hinsicht oft schätz-bare Menschen dennoch in dieses ekelhafte Laster versinken, undsich des christlichen Namens, und der öffentlichen Hochachtung derEdcln, und des Wohlgefallens Gottes verlustig machen?
Wohl mag oft Neid, oft Haß, oft die Bosheit eines ver-brecherischen Herzens den Hauch der Verleumdung gegen des bessernMenschen ehrenvollen Namen und Verdienste ausstoßcn; wohlmag oft die Schadenfreude in niederträchtigen Gemüthern überallfällige Blößen des Nächsten oder über Unfälle desselben trium-phiren; wohl mag oft ein Lasterhafter Vergnügen daran finden,Andern die Achtung zu rauben , die ihm selbst nicht gewährt wer-den kann.
Noch öfter aber bewirkt eine thörichte Eitelkeit den gleichenFehler, indem Menschen, die von derselben beherrscht werden ,gern Andere geringschätzig machen wollen, um dann »eben ihnen.