355
Fleckens in der Denkart und Handlungsweise des Mitbürgers;jede allzukühne und bösmüthige Folgerung aus irgend einemFehltritt, oder auch nur aus dem Schein desselben.
Aber wahrlich, der Tempelräuber, welcher das Heiligthumin den Stunden der Nacht erbricht, entweiht und zerstört, istnicht allein ein Dieb. Der, welcher sich das Geringste, kaumeines Almosens werth, von dem Eigenthum des Nächsten widerdessen Wissen und Willen zueignet, ist auch ein Dieb.
Der Erfinder schändlicher Nachreden und Gerüchte ist nichtallein der wahre Verleumder. Nein, auch der ist es, welcherdem Mscwicht Ohr und Zunge leiht, um die nachtheilige,ehrenrührige Botschaft geschäftig unter allen Be-kannten herumzu tragen. Er ist der verächtliche Gehilfe desBoshaften, und für den Verleumder, was der Hehler für denDieb ist. Beide sind gleich strafbar und schändlich. Beide sindGenossen gleicher Abscheulichkeit.
Der Boshafte würde verstummen, wenn er keine Genossenseiner Lästersucht hätte; er würde seine häßlichen Zwecke nichterreichen, wenn er nicht immer schwache, plauderhaftc Hcrum-trägcr und Feilbicter seines Giftes fände.
Es ist verleumderisches Wesen, es ist nicht menschenfreund-licher Zesusfinn, wenn Brüder sich auch nur erlauben, über dieDenkart, über die möglichen Neigungen ihrer Mitmenschen zuurthcilen, um sic irgend von einer schlimmen Seiteverdächtig zu machen und herabzusetzen. Und, o wiegroß ist die Zahl dieser geschäftigen Ehrenmördcr! Wie Mancher,der sich für christlich gut und weise hält, sinkt so in die Klaffederer, die Gott mißfallen! Wie Mancher, der den Balken inseinem Auge nicht bemerkt, lobt seinen Nächsten, nur um durchein dem Lobe angehängtes Aber den Splitter im Auge seinesNächsten bemerkbar zu machen! Wie Mancher zuckt die Achseln,III. 13