Aber so ist cs nicht. Der Gerechte, der Christ, steht hicnicde»unter Menschen, die, ohne Menschenliebe, nur ihrer unersättlichenHabsucht, ihrem Golddurst, ihrem Ehrgeiz ein Genüge thunwollen; unter Menschen, die sich oft darin groß dünken, wennsie, schlauer als ihr redlicher Bruder, ihn zu seinem Schaden,zu ihrem Vortheil überlisten können; unter Menschen, die Ihres-gleichen nur wie Nebendinge, nur wie Werkzeuge und Maschinenbetrachten, welche man zu seinem Nutzen gebrauchen müsse; unterMenschen, welche, wenn sic auch nicht offenbar lasterhaft find,voch von unreinen Begierden oft zu unreinen Handlungen ver-führt werden; unter Menschen, die, wenn sie auch nicht absicht-lich schaden wollen, doch aus allzugroßer Schwäche schaden kön-nen. — Darum sprach der göttliche Meister, Jesus Christus, derWeltkenner, zu seinen Jüngern, da er sic auf ihre Wanderungenim Leben vorbereitete: Siehe, ich sende euch als die Lämmermitten unter die Wölfe. (Luk. 10, 3.)
In einer solchen Welt, unter solchen Menschen, wie sie nunsind, ist cs nicht genug, den Willen Gottes zu wissen;sist es nichtgenug, die Gesetze Gottes zu vollstrecken, um tugendhaft zu sein:man muß mit Vorsicht handeln, man muß mit Klugheit tugend-haft sein, man muß wissen die Tugendgesetze richtig und ihremZwecke gemäß anzuwcnden. Und wer dies nicht weiß, oder ausübertriebenem Eifer nicht will, kann durch Unbehutsamkeit sichund Andere zu Grunde richten, kann mit seiner vermeinten Tu-gend das Werkzeug durchaus verachtungswürdiger Bösewichtcwerden, und das Reich der Sünde erweitern, wo er das ReichGottes zu vergrößern gedachte.
Wahr ist's, du sollst dem Armen bcistehcn und dem Dürftigendein Almosen reichen; aber mit einer ohne Klugheit ausgeübtenBarmherzigkeit wirst du den zudringlichen, in Müßiggang leben-den Bettler füttern, und ihn in den Lastern seiner Trägkeit bestärken.