Druckschrift 
3 (1853)
Seite
297
Einzelbild herunterladen
 

297

nur zu früh, unsere Kraft. Wie viel hundert Entwürfe machteich nicht schon seit meiner Kindheit; wie viel tausend Wünschebewogen mich zu tausend verschiedenen Handlungen! Und wasist aus den hundert Entwürfen, den tausend Wünschen geworden?Oft sah ein Tag sie zugleich entstehen und auch sterben; oft trugich sie von einem Jahre fest und treu in das andere hinüber,und ruhcte nicht; und endlich, wenn ich glaubte, dem längst be-gehrten Ziele nahe zu sein, warf mich wieder ein kleiner, ansich unscheinbarer Zufall weit davon zurück, und seufzend gab ichdie Hoffnung auf, die mich Jahre lang freute und täuschte.

Denke ich an die schönen Stunden meiner Kindheit zurück,o wie war doch da Alles anders! Wie ungestüm verlangte ichbald dies, bald das zu werden, bald dies, bald das zu haben!Von tausend Hoffnungen ging nicht eine in Erfüllung; eine ver-drängte die andere; Blüthen lachten in Fülle aber ein leiserHauch des Himmels, und die Blüthen fielen ab; ich sah umsonstnach den Früchten umher.

Und ich ward älter, und meine Empfindungen wurden nurreizbarer; neue Begierden erwachten in meiner Brust; glänzen-dere Plane wurden cmporgebaut, und mit allem Zauber geschmückt,dessen eine warme Einbildungskraft fähig ist. Sehet die Jung-frau, wie fie sich in stillen Träumen von ihrer Zukunft verliert,und dem Ziele ihrer geheimen Wünsche nachstrebt. Sehet denJüngling, der im hohen Gefühle seiner Freiheit und Kraft dieganze Welt mit ihrer Herrlichkeit offen vor sich liegen fleht, undAlles erringen zu können glaubt. Dann betrachtet neben diesennoch in ihrer Einbildungskraft Beglückten den reifem Mann, dieHausfrau und Mutter. Sie gehen schon ernster und gelassenerneben den Saaten hin, die fie aussäeten, von denen Tausendeim Keime starben, Tausende aufwuchsen, um vor ihrer Reifevon einem unerwarteten Sturme geknickt zu werden. Ach, von