Druckschrift 
3 (1853)
Seite
278
Einzelbild herunterladen
 

278

heit aber beurthcilt die Dinge nicht nach dem, was sie wirklichfind, das heißt, nach ihrem Wesen, sondern läßt fich durchden Schein blenden. Sie läßt fich durch die Außenseite derSachen irre führen, und hält sie für etwas Anderes, als sie find.

Daher ist der Greis gewöhnlich weiser, als ver uncrfahrneJüngling; die betagte Mutter weiser, als die mit der Welt un-bekannte Tochter. Das Alter ist durch Erfahrung belehrt, istdurch die Schulen des Jrrthums zur Erkenntniß der Wahrheitgelangt, und von mancher Täuschung zurückgekommen.

Der Thor beurthcilt den Werth des Menschen nur nach seinemKleide, nach seinem Vermögen, nach seinem Amte; der Weiseschätzt den Mann nicht nach seinem Aeußcrn, sondern nach seinenGesinnungen, nach seinen Einfichtcn, nach seinen Handlungen.Der Thor hält denjenigen für einen frommen Christen, der fleißigden Gottesdienst besucht, sich das bescheidene, äußere Anseheneines Frommen gibt, auswendiggelernte Gebete hcrzusagen pflegt,oft in der Bibel oder in andern Religionsbüchern licSt, und dierauschenden Vergnügungen vermeidet. Der Weise hält nur den-jenigen für einen Christen, der in allen seinen Gedanken undHandlungen voller Menschenliebe ist, überall hilft und beistcht,Keinen beleidigt, und so gleichsam nur in der Liebe lebt, dasheißt, in Gott lebt und handelt. An ihren Früchte» sollt ihrfie erkennen!

Gott ist die höchste Weisheit, das heißt, Gott kann durchkeinen Außenschcin getäuscht und geblendet werden. Er kenntden wahren Werth aller leblosen und lebendigen Dinge. Vor ihmgilt nicht das Ansehen der Person. Auf der Wage seiner Gerech-tigkeit sind der königliche Scepter und der Stab des Bettlersvon gleichem Gewicht; für ihn ist das Zufällige keine Hauptsache.

Aber der Sterbliche wandelt hienicden lange unter Täuschun-gen. Denn es gibt fich jeder Mensch Mühe, besserzuschcinen,