Druckschrift 
3 (1853)
Seite
274
Einzelbild herunterladen
 

und keine Beweise von Mangel des Vertrauens an Gott. Esfind unwillkürliche Regungen des Gemüths, wie der Verdrußund die Traurigkeit um verlorne Freuden. Jesus vergoß amOclberge den blutigen Angstschweiß; aber dennoch behielt er Kraftgenug, sich wieder ermannen und beten zu können; nicht meinWille, Vater, sondern der Deinige geschehe. Wenn aber dieVerzagtheit des Gemüths so groß wird, daß alle vernünftigenVorstellungen verdunkelt werden, daß das Herz verzweifeln möchte:dann ist Gefahr, dann die Sünde nahe. Wenn wir im Zornüber das Ruchlose aufwallen, mag er edel genannt werden;wenn er uns aber so betäubt, daß wir, von ihm übermannt,unser selber nicht mehr mächtig find, und ans Eifer für dasRechte im Grimme Unrecht thun: dann ist er Sünde. WennFreude uns in dem Grade berauscht, oder wir uns sinnlichenGenüssen in solcher Ausgelassenheit hingeben, daß unserer Ge-sundheit, Unschuld und Ehre, oder dem Wohlsein und Glück An-derer daraus Nachtheil erwächst: dann ist sie Sünde.

Daher, obgleich die Bewegungen des Gemüths, cs mögenEmpfindungen angenehmer oder unangenehmer Art sein, durch-aus für sich selbst nicht sündlich zu heißen sind, haben wir beiihrem Dasein die größte Vorsicht anzuwendcn, daß wir derselbenimmer Meister bleiben, und daß sie sich nicht gänzlich unsererBesonnenheit bemustern. Haltet Maß in allen Dingen, in Zorn,in Schmerz und Freude. Nur allzuschnell werden wir durch denSturm der Empfindungen über die Grenze des Rechten, des Bil-ligen und Schicklichen hinweggerisscn. Reizbare, lebhafte Ge-müther gcriethen dadurch, so edel auch ihre Absichten, so un-schuldig auch die Veranlassungen, so rein auch anfänglich ihreBegierden waren, nur allzuoft bis zum schwarzen Augenblick derReue. Sie vorzüglicher, als Andere, die eines kaltblütigenWesens sind, müssen darüber wachen, daß gewisse Gemüthsbewe-