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Die Schuld der Unterlassung guter Handlungen wird um sogrößer vor Gott, dem Richter unsers Werthcs, um so größervor uuserm eigenen Bewußtsein, je leichter es rms war, jeneszu thun. — Unzähliges aber geschieht nicht, ob es gleich Kleinig-keit gewesen sein würde, es zu vollbringen. Denn nicht nur hatjeder Sterbliche die Erkenntniß dessen, was recht ist, sondernJeglicher hat besondere und ausgezeichnete Anlagen, der Einezu dieser, der Andere zu jener Tugend.
Wer von Natur weichmüthig und gefühlvoll ist, dem kostetes wenig Ueberwindung, gegen Unglückliche die schöne Pflichtdes Mitleids in That und Wort zu üben. Warum pflegte erdiesen göttlichen Trieb seines Herzens nicht? Warum that ersich sogar Gewalt an, ihn nicht allzulaut werden zu lassen?Ach, da hindert ihn bald Eitelkeit und Furcht vor dem, was dieLeute sagen würden, irgend ein Werk schöner Barmherzigkeit zuüben; bald hindert ihn Hang zur Gemächlichkeit, in die Woh-nungen der Unglücklichen zu gehen, von denen er hörte, oder sichgenauer von ihren Umständen zu unterrichten, und wie ihnen ambesten zu helfen wäre; bald unverzeihlicher Leichtsinn; bald Pracht-lust, für die mancherlei Ausgaben zu machen waren.
Wer von Natur muthigen, entschlossenen Herzens ist, demkostet es wenig, sich des Unterdrückten anzunehmen. Und warumthat er, der von Natur allem Unrecht feind ist, diesem edelnSinne kein Genüge? Ach, da wad der Eigennutz, welcher ihngegen seine bessern Wünsche nöthigte, stumm zu bleiben; da warenallerlei Rücksichten gegen Personen, welchen man sich beliebtmachen möchte, die ihn bewogen, das Ungerade für Gerade gel-ten zu lassen.
Wer Ansehen und Einfluß auf Denkart und Willen seinerMitbürger hat, dem ist es ein Leichtes, unzähliges Gute aufdie Bahn zu bringen, oder zu befördern, was Andern bei aller