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Siehe, dies ist Unterlassung des Guten, das du kennst undvollbringen könntest; dies ist deine Sünde I
Es gibt keinen Menschen, der nicht jeden Tag wenigstenseinen Anlaß fände, Gutes zu thun; selbst dem dürftigsten Bett-ler an der Straße fehlt dazu die Gelegenheit nicht. Doch umdiese Gelegenheiten zu erblicken, muß man sic nur erblicken wollen.Aber dazu gebricht cS an Neigung. Siehe, dies ist Unterlassungdes Guten. Klage nicht die Vorsehung an, daß sie dich in keineUmstände versetzt, in denen du deine Tugend erscheinen lassenkönntest — klage deine Trägheit an, welche dich hindert, dieAugen aufzuschließcn, um zu sehen, was in deiner Nähe liegt.
Nicht Gelegenheit zum Guten, sondern das erste Talent zumGuten fehlt dir, nämlich ungcheuchelte Menschenliebe undDicnstgcfälligkeit. Wer diese besitzt, der weiß erfinderischJedem, mit dem er in Berührung kommt, irgend etwas Liebeszu erweisen, und selbst Abwesenden und Entfernten nützlich zufein; der weiß immer von seinen Ersparnissen etwas zu erübrigen,womit er Andern helfen oder gemcinüützigen Unternehmungen bci-stehen kann; der hat, wenn auch nicht immer Geld, doch hierein gutes Wort, da einen zweckmäßigen Nath, dort einen Trost.
Frage dich nur nach einem vollbrachten Tagewerk in der Abend-stille: Hast du Alles das Gute gethan, was du eigentlich hättestthun können? Hast du die kleinen Anlässe vorteilhaft benutzt,wo du in deiner Tugend leben konntest? — Und wenn sich deinGedächtnis! keiner Gelegenheit dazu erinnert, dann lege dir nochdie einzige Frage vor: Und was würdest du wohl gethan haben,wenn du ein Muster wohlwollender Menschenliebe und Dicnst-gefälligkeit hättest sein wollen? Dein Gewissen wird dir in stillemNachdenken antworten, wird dir sagen: und du hast es nichtgethan! Wer da aber weiß, Gutes zu thun, und thut csnicht, dem ist es Sünde.