Druckschrift 
3 (1853)
Seite
258
Einzelbild herunterladen
 

258

Man nennt zwar im gemeinen Leben schon denjenigen gewöhn-lich einen guten Menschen, eine Person von unbescholtenem Wan-del, welchem man eigentlich nichts Schlechtes oder Unanständigesnachzusagcn weiß; und Viele bilden sich wohl ein, schon dadurchein Verdienst oder einen Anspruch auf die Achtung ihrer Mit-bürger zu haben, daß sich keiner derselben über sie zu beklagenhat. Aber, ist es denn ein Verdienst, kein Verbrecher zu sein?Sollen wir den Begüterten loben, daß er kein Dieb und Räuber,den schwachen Greis, daß er kein Verführer der Unschuld, denFurchtsamen, daß er kein Todtschläger und Zänker ist? Werdarf mit frohem Herzen vor Gott treten und sich seines Wohlge-fallens freuen, der da nur zu sagen weiß: ich habe nicht betro-gen, nicht verrathen; ich bin kein Trunkenbold, kein Verleum-der? -Sind denn Handlungen, die wir nicht begangen haben,

eine Handlung? und können wir von der Saat, die nicht gcsäetworden ist, Aerntc verlangen?

Wahrlich, irret euch nicht, Gott läßt sich nicht spotten! Wirhaben keineswegs den Beruf empfangen, das möglichst wenigeBöse zu stiften, sondern das möglichst viele Gute. Der Knecht,der seines Herrn Willen weiß, und hat sich nicht bereitet, auchnicht nach seinem Willen gethau, der wird viele Streiche leidenmüssen! spricht Christus. (Luk. 12, 47.) Schon das ist Ver-brechen, eine Tugend, die wir Gelegenheit hatten, auszuüben,unterlassen zu haben. Denn wer da weiß Gutes zu thun,und thut es nicht, dem ist cs Sünde! (Jak. 4, 17.)

Die meisten Sterblichen, nur auf irdische Vortheile für ihrHaus, für ihre Bequemlichkeiten, für ihre Ergötzlichkeitcn bedacht,leben in mittelmäßiger Gemeinheit des Sinnes hin. Niemandkann sic schelten, aber loben kann sic ihr eigenes Gewissen nicht.Sie sind viel zu träge und schüchtern, das Böse zu thun, aberauch eben so träge und schüchtern für das Gute. Sie wähnen