Druckschrift 
3 (1853)
Seite
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da ich vielleicht diese vermeinten Tugenden nur meiner pcrsön-lichcn Furchtsamkeit, meiner natürlichen Schüchternheit und Träg-heit zu danken habe?

Wie oft wird mit Schadenfreude oder stolz herabblickendemMitleiden der Fehltritt einer gefallenen Jungfrau beurtheilt, undwie manche ihrer strengen Richtcrinnen spricht mit schmeichelndemSelbstgefühle: Gottlob, daß ich nicht bin, wie dieseda! Aber, o Richtcrin, jene Unglückliche, die du verachtest,war vielleicht wahrhaft keuschem Herzens, als du. Sie liebtedie Tugend vielleicht ernster, inbrünstiger, als du; sie hatte viel-leicht mit ihrer Leidenschaft schwerere Kämpfe bestanden, alsdu Kämpfe, die nur der Allwissende kannte, bis sic, getäuscht,verführt, in einem unglücklichen Augenblicke sich selbst und allesHeilige vergessend, sank. Zwar du, o strenge Nichtcrin deinerbeklagcnswerthen Mitschwcster, darfst dich rühmen, noch keinesso groben Fehltritts schuldig zu sein aber war dies auch deinwirkliches Verdienst? Brachte dich dein Verhältniß jemals in sogefährliche Stimmungen? War eS immer deine Liebe zur Tu-gend, oder die Furcht bloß vor Schande, oder selbst der Mangelder Gelegenheit, welcher dich rettete? Ist dein Herz, ist deineEinbildungskraft immer unentwciht geblieben?

Wie Jesus Christus einst, beim Anblick der ihln vorgesührtenSünderin, statt sie zu verdammen, ausricf: Wer sich keinerSchuld bewußt ist, werfe den ersten Stein auf sie!so sollen auch wir noch heute oftmals in Rücksicht solcher Personendenken, deren Fehltritte aus dem Verborgenen ans Tageslichtkommen, während die Folgen der unsrigcn verhüllt oder nur inunserm eigenen Gedächtnisse vergraben bleiben. Wir sollen unsselbst noch nicht deswegen für vollkommener halten, weil wir bishernoch nicht die Aufmerksamkeit derMcnschen durch irgend ein grobes,durch seine Wirkungen auffallendes Vergehen beschäftigten.

III. 9