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Gewöhnlich halten wir uns schon befugt, denjenigen fürschlechter gelten zu lassen, der irgend eine That begangen hat,die wir noch nicht begangen haben, auch wirklich bei unserer ge-genwärtigen Gemüthsstimmung und Lage nicht begehen möchten,oder in unfern wirklichen Verhältnissen nicht thun könnten. —Sind wir darum besser, als der anerkannte Fehlbarc?
Gewiß gibt es viele Menschen, die in ihrer Art und in ihrenUmständen tugendhaftern Gcmüths sind, als wir, und doch durchein grobes Vergehen sowohl die Verachtung ihrer Mitbürger aufsich ziehen, als auch obrigkeitliche Strafen verdienen können.Theils durch Erziehung, theils durch ihr Temperament, thcilsdurch allerlei zusammcnwirkcndc Ereignisse werden sie wider ihrenbessern Willen zu Vergehungen geleitet, vor denen uns unsereErziehung, unser Temperament, unser Schicksal vollkommen sichergestellt hat. Sind wir darum besser, als sic? Haben wir schondie gefährlichste Stunde der Versuchung erfahren, und glücklichdarin unsere Grundsätze gegen den Drang der Umstände und derstürmischen Leidenschaften behauptet?
Mit wie hartherziger Lieblosigkeit wird oft die unglücklicheUcbereilung eines vom Zorn Ucberraschtcn bcurthcilt, der viel-leicht in einem schrecklichen Augenblick Mörder ward, und mitvollkommenem Recht von der Obrigkeit ergriffen und nach denGesetzen bestraft ward! Er ward Mörder, und doch konnte er,die Verwahrlosung seines aufbrausenden Gemüthcs abgerechnet,einer der besten, wohltätigsten, liebreichsten, zu allem Gutenentschlossensten Menschen sein. Er war nun allerdings der Be-,strafung wcrth; nichts konnte seine abscheuliche Handlung recht-fertigen; seine herzliche Reue macht sie nicht ungeschehen. Alleinbin ich darum in der That ein besserer Mensch, als er, weilich noch keinen Todtschlag auf dem Gewissen habe? — Darf ichmich im Stillen meiner Kaltblütigkeit und Sanstmuth rühmen,