Druckschrift 
3 (1853)
Seite
81
Einzelbild herunterladen
 

81

Und wer hat dies nicht schon bei sich empfunden? Wer hates nicht schon vielmals an sich erfahren, daß ein anderer Geistuns in der Einsamkeit, und ein anderer im Gedränge des ge-wöhnlichen Lebens zu beseelen scheint? Seht nur die Sterb-lichen, wenn sie in den Tempeln Gottes versammelt find! WelcheRuhe, welcher Ernst, oft welche heilige Ruhe und Andacht beiAllen! Wer sollte glauben, daß diese Herzen, welche hier ein-müthig vor dem ewigen Vater ihres Lebens versammelt sind,feindselig gegen einander schlagen, sobald die Schwellen desTempels verlassen sind? Wer sollte es glauben, daß eben dieseBlicke, welche sich hier mit Demuth vor dem Allgegenwärtigensenken, draußen im gewöhnlichen Leben voll Stolz und Lieblosig-keit auf Nebenmenschen niedersehen können? Wer sollte es glau-ben, daß eben diese Lippen, welche hier die frommen Gebeteflüstern, oder zu Gott in feierlichen Gesängen ertönen, draußensich zur Verleumdung, zu Verachtung des Nächsten, zu schaden-frohen Bemerkungen, zu Schmeichelei, zu Lug und Trug öffnenkönnen? Alles scheint im Tempel Gottes nur für Heiligkeit , undTugend, und in der wirklichen Welt nur für Laster und Leiden-schaften zu glühen; Alles im Tempel nur der Ewigkeit, und imwirklichen Leben dem Irdischen zu gehören.

Welch ein Widerspruch! Welch eine Täuschung unser selbstund Anderer! Und doch ist's also; wer möchte es läugnen?

Fast jeder Mensch ist daher mit sich selbst in Zwietracht. Aneinem Orte sündigt er; am andern bereut er. Zuletzt steht erda, unzufrieden mit sich selbst, und verzweifelt an der Möglich-keit, so vollkommen zu werden, wie Jesus Christus gefordert hat,wie Gott es will, wie unser eigenes Gefühl uns sagt, daß wirsein sollten.

Dann beruhigt man sich, weil der Zustand innerer Zwietrachtunerträglich ist, mit allerlei Scheingriindcn. Man sagt: DefIII. 3*