Allem.fesselte ihre Bewunderung die außerordentliche Schönheitund Pracht vom Gebäude des Tempels. Sic blieben stehen,voll angenehmen Erstaunens, wie ein Kunstwerk dieser Art empfin-dungsvollen Anblick cinzuflößen pflegt. Sie zeigten ihrem Lehreralle die Herrlichkeit, denn sie kannten seine Thcilnahme an allenihren kleinen Empfindungen.
Aber Wehmuth umdunkelte das Angesicht des Erhabenen.Er sah nicht die vom Golde strahlenden Gewölbe und Zinnen,die Säulen von köstlichem Gestein — er sah Schutt und Trüm-mer und Graus. Dann wandte er sich zu seinen heiligen Zög-lingen, und weissagte den nahen Verfall dieses Tempels, dieserreichen Paläste, die Verödung dieser volkreichen Straßen, denUntergang dieses noch blühenden Reiches.
Und furchtbar ging, che sein Jahrhundert vollendet war, dieProphezeiung des Messias in Erfüllung. Noms Heere zertrüm-merten Jerusalem im blutigsten Kriege. Sticht ein Stein ist aufdem andern geblieben, der nicht zerbrochen worden ist. (Matth.24, 2.) Jerusalem ist heutiges Tages ein Städtlein in derWüste; es ruht entfernt von der alten Stätte, wo man es niewieder erbaue» konnte, weil unaufhörliche Erdbeben die Arbeitenzur Wiedercrbauung unterbrachen. Das jüdische Volk ist zerstreutdurch alle Welttheile, ein entsetzliches Denkmal der Vergangen-heit — kein Volk auf Erden hat ein Schicksal gehabt, wie dieses!
Noch war das Christcnthum nur in dem engen Kreise wenigerFrommen bekannt. Jesus hatte seine Lehre den Tausenden ge-predigt, die ihm zuhörten; leichtsinnig ward von Tausenden seinWort wieder vergessen. Nur Einzelne begriffe» ihn ganz; nurEinzelne nahmen ihr Kreuz auf sich und folgten ihm nach. Tau-sende eilten wieder davon, wenn ihre erste Neugier gestillt oderihre Hoffnung getäuscht war. Die Meisten hatten nur Wundererblicken, nur außerordentliche Dinge anstaunen wollen. Sie