Druckschrift 
10 (1851) Der Kerker von Edinburg
Entstehung
Seite
156
Einzelbild herunterladen
 

156

Welchen Zwang er auch seinen Gefühlen in Gegenwart Ande-rer anthat, so wußte sie nur zu gut, daß cS ihr beschiedensei, sie insgeheim in ihrer ganzen Heftigkeit ausbrechen zusehen, zu sehen, wie sie seine Gesundheit zerrütteten, seineLaune verstimmten, und ihn zugleich zu einem Gegenständeder Furcht und des Mitleids machten. Sie ermahnte Jeaniewiederholt, zu thun als ob sie ihn nicht kenne, ihn ganz undgar wie einen Fremden zu empfangen, und Jeanie erneuerteihr Verspreche», sich völlig nach ihrem Willen zu richten.

Auch Jeanie wurde etwas ängstlich, wenn sie an die Ver-legenheit dieser Zusammenkunft dachte. Allein ihr Gewissenwar unbefleckt, und so ließ das überwiegende Verlangen,Butler nach so langer Abwesenheit wiederzusehen, sie dennochdie Ankunft der Reisenden sehnsüchtig herbei wünschen.

In solcher Stimmung waren die Schwestern, als der Haupt-mann erschien, an der Spitze eines -alben Dutzend rüstigerBurschen auf hochländische Weise gekleidet und bewaffnet.

Er begrüßte die Frauen und erbat sich von Jeanie etwasBranntwein und^andere Lebensmittel für seine Burschen, dennsie wären seit dem frühsten Morgen auf den Beinen, undüber Haide und Moor getrabt, aber Alles vergebens. Erbekräftigte die Sache mit einem derben Fluch, setzte sich nieder,schob seine Knotenperücke zurück und wischte sich vornehmwichtig den Kopf, ohne auf den Blick des Erstaunens zu ach-ten, durch welchen Lady Staunton ihm zu verstehen gebenwollte, er nehme sich zu große Freiheit heraus.

»Es ist doch wenigstens ein Trost, wenn man ein schwerStück Arbeit gehabt," fuhr Duncan fort, indem er sich mitritterlicher Miene an Lady Staunton wendete,daß es ge-schehen ist, einer schönen Frau zu dienen, oder dem Mann ei-ner schönen Frau, was auf eins herauskommt; denn wer dem