Druckschrift 
10 (1851) Der Kerker von Edinburg
Entstehung
Seite
98
Einzelbild herunterladen
 

lichcs Wagestück zu unternehmen, und Archibald hatte diesmaldie Gefälligkeit, ihretwegen nach einem entfernten Landungs-platz Hinsteuern zu lassen, wo das Aussteigen bequemer war.Jeanie blieb allein hier zurück- Gutmüthig hatte sse Archibald'sBegleitung abgclehnt, und ihn gebeten, bei der furchtsamenDutton zu bleiben. Das Haus sei ja nahe, und sse könne denWeg dahin nicht verfehlen, da das Mondlicht ihr die weißenhinter dem Wäldchen hervorragenden Schornsteine zeige.

Die Nacht war so schön, daß Jeanie noch eine Zcitlang amUfer stehen blieb, und dem dahinsegelnden Boot mit den dunklenGestalten der Schiffenden nachsah, wie sse je mehr und mehrim Nebel verschwanden, und den schwermüthigen Schiffsge-sang der Ruderer hörte, wie er das Ohr mit immer leiserund sanfter werdendem Tone traf, bis das Boot endlich umdas Vorgebirge bog und nicht mehr gesehen wurde.

Auch jetzt noch blieb Jeanie in derselben Stellung und sah indie See hinaus- Der schnelle wunderbare Wechsel ihrer Lage vonSchmach, Elend und Verzweiflung zu Ehre, Freude und derAussicht auf künftiges Glück ging an ihrer Seele vorüber undentlockte ihr Thräncn. Doch nicht der Freude allein stoffen ssein diesen einsamen Augenblicken. Da das menschliche Glück nievollkommen ist, und wohlgeartete Gemüther das Leid ihrerLieben am tiefsten fühlen, wenn ihre eigene Lage einen Gegen-satz dazu bildet, gedachte auch Jeanie jetzt mit herbem Schmerzdes Schicksals ihrer unglücklichen Schwester. Sie, das Kind sovieler Hoffnungen, das verzärtelte Schooßkind so vieler Jahre,nun landflüchtig, und was noch schlimmer war, dem Willeneines leidenschaftlichen, sittenlosen Menschen unterworfen.

Indem sse mit diesen traurigen Gedanken beschäftigt war,schien aus dem dichten Gebüsch zu ihrer Rechten eine dunkleGestalt hervorzuschweben- Jeanie erschrak, und alle Geschichten