Druckschrift 
10 (1851) Der Kerker von Edinburg
Entstehung
Seite
55
Einzelbild herunterladen
 

55

Ruhe nieder. Doch sie schlief wenig. Das freudige Bewußt-sein, ihre Schwester sei gerettet, und der Drang, die Fülleihres Glücks vor jenem allgütigen Wesen ausströmen zu las-sen, dem sie so oft ihre Sorgen und ihren Kummer anver-traut, waren zu mächtig in ihr.

Den ganzen nächsten Tag, und den darauf folgenden, triebFrau GlaS sich in unruhiger Erwartung im Laden hin undher, am dritten Morgen kam endlich der ersehnte Wagen vor-gesahren; vier Diener in dunkelbraun und gelb standen hin-ten auf, der Herzog selbst in gesticktem Kleide, mit Stern undOrdensband stieg aus.

Er fragte nach seiner kleinen Landsmännin, verlangte abernicht, sie zu sehn, vermuthlich um nicht seiner Bekanntschaftmit ihr das Ansehn eines genauer» Verhältnisses zu geben.Die Königin, sagte er zur Frau Glas, habe die Gnade ge-habt, sich für jenes unglückliche Mädchen bei Seiner Majestätdem König zu verwenden, wozu sie größtcntheils die edle undliebevolle Entschlossenheit der altern Schwester bewogen; undes sei bereits ein Begnadigungsschreiben nach Edinburg abge-gangen, mit der hinzugefügten Bedingung jedoch, daß EffieDeans vierzehn Jahre lang Schottland meiden solle. DesKönigs Anwalt habe sich einer unbedingten Verzeihung wider-setzt, und nachgewiesen, daß in dem kurzen Zeitraum von sie-ben Jahren ein und zwanzig Fälle des Kindermords in Schott-land vorgekommen.

Hol' ihn der Henker!" sagte Frau Glas, »wozu brauchter das seinem eignen Vaterlande nachzusagen? Und was solldenn das arme Ding in der Fremde thun? Sie soll wohldie alten Streiche wieder anfangen, daß man sie der Aufsichtder Ihrigen entzieht."

Ei nun," versetzte der Herzog,das find spätere Sorgen.