36
„Kein Tugendspiegel, Herr," sagte der Eine, indem er la-chend die Achsel zuckte.
„Unterstehst Du Dich, das zu sagen?" rief die zänkischeAlte, und ihre Augen glühten.vor ohnmächtiger Wuth. „Undwürdest Du nicht für das eine Wort all meine zehn Finger inDeinem Schelmengestcht fühlen, wenn ich Dich nur draußenhätte?" Und ihre Bewegung hierbei war den Worten ange-messen, indem'sie ein Paar Fäuste ausstreckte, wie die Klauen desheiligen Georg's Drachen auf dem Schild einer Dorfschenke.
„Was hat Sie hier zu thun ?" rief Mittelburg, der endlich dieGeduld verlor. „Kann Sie nicht ihr Anliegen sagen und gehen ?"
„Mein Kind! Magdalena Murdockson verlang' ich," schriesie laut, und mit der höchsten Anstrengung ihrer kreischendenStimme; „sag' ich es nicht schon seit einer halben Stunde?Und wenn Ihr taub seid, wozu braucht Ihr Euch da so großund breit Hinzupflanzen, und andere Leute zu hudeln?"
„Herr," sagte jener, dessen frühere Dazwischenkunft dieAlte so übel ausgenommen, „sie verlangt ihre Tochter zurück, diegestern eingezogen worden; Magda Wildfeuer, wie sie sie nennen."
„Magda Höllenfeuer, wie sie sie nennen!" spottete sie ihmnach. „Und was braucht solch ein Schuft wie Du einer ehr-lichen Frauen Kind Ekelnamen zu geben?"
„Einer ehrlichen Frauen Kind, Grete!" sagte er lachend, miteinem kaltblütigen Hohn, der die Alte vollends in Wuth brachte.
„Bin ich's jetzt nicht, so bin ich's doch gewesen," erwiedertesie, und das ist mehr als Du von Dir sagen kannst, Du gebornerDieb Du, der in seinem Leben nicht gewußt hat, anderer LeuteIhriges vom Seinigen zu unterscheiden. — Du sprichst von ehr-lich ? Und hast Deiner Mutter einen Dreier aus der Tasche ge-stohlen, als Du fünf Jahr alt warst, gerade an dem Tag, anwelchem sie von Deinem Vater unterm Galgen Abschied nahm?"