174
oder gehört hatte, aber bei alledem war er doch nicht im Stande,eine Vermuthung darüber zu bekommen. Er wußte, daß dasganze große Besitzthum dieser alten und mächtigen Familie derjüngst verstorbenen Gräfin gehört hatte, welche in hohem Grade denernsten stolzen und unbeugsamen Charakter besaß, welcher dasHaus Glenallan ausgezeichnet hatte, seit es in Schottlands Anna-len glänzte. Gleich den übrigen ihrer Vorfahren, hing sie demrömisch-katholischen Glauben eifrig an und verheirathete sich miteinem englischen Herrn von derselben Confessio«, welcher sehr reichwar und die Verbindung nur zwei Jahr überlebte. Die Gräfinward daher frühzeitig Wittwe und verwaltete die bedeutendenGüter ihrer beiden Söhne ohne Einschränkung. Der ältere, LordGeraldin, der den Titel und die Güter Glenallan'S erben sollte,war, so lange sie lebte, ganz von seiner Mutter abhängig. Derzweite nahm, als er volljährig ward, Namen und Wappen seinesVaters und trat den Besitz seiner Güter an, gemäß dem Heiraths-contrakte seiner Mutter. Nach dieser Zeit lebte er hauptsächlich inEngland und besuchteseine Mutter und den Bruder nurselten undauf kurze Zeit; endlich wurden die letztem gänzlich mit seinen Be-suchen verschont, als er sich zur rcformirten Kirche wendete.
Aber auch bevor seine Mutter diese tödtliche Kränkung erdul-den mußte, hatte der Aufenthalt zu Glenallan für einen munternjungen Mann, wie Edward Geraldin Neville, wenig Anziehendes,obwohl der düstere, einsame Wohnsitz dem melancholischen und zu-rückgezogenen Wesen des ältern Bruders zusagte. Lord Geraldinhatte in seiner Jugend die schönsten Hoffnungen gegeben. Alle, dieihn auf seinen Reisen kennen lernten, unterhielten die größten Er-wartungen von seiner künftigen Laufbahn. Aber so schöne Morgenumwölken sich oft nur zu bald- Der junge Edelmann kehrte nachSchottland zurück, und nachdem er ein Jahr in Gesellschaft seinerMutter zu Glenallan gelebt hatte, schien er ganz und gar ihren