74
„Es ist Etwas zwischen ihnen vorgefallen, wofür zwischenWeibern keine Vergebung stattfindet," bemerkte Roland. „Ichsah, wie die Stirn der Burgfrau bleich ward und dann blau,als die Königin sie vor dem Gesinde und in der Stunde ihrerMacht in den Staub erniedrigte, indem sie ihr ihre Schandevorhielt. Ich habe den Schwur tödtlicher Rache gehört, wel-chen sie in das Ohr eines Menschen flüsterte, der, seiner Ant-wort nach zu urtheilen, ein nur zu bereitwilliger Vollstreckerihres Willens sein wird."
„Ihr erschreckt mich!" sprach Katharine.
„Nehmt die Sache nicht so auf. Laßt den männlichenThcil Eures Wesens vorwaltcn. Wir wollen ihre Plane durch-kreuzen und zu Nichte machen, mögen sie sein, wie sie wollen.Warum seht Ihr mich so an und weint?"
„Ach!" sprach Katharine, „Ihr steht hier lebend und ath-mend vor mir mit dem Feuer unternehmender Jugend unddabei noch mit dem frohen Muthe der Kindheit, — edelmüthigund unternehmend, und dabei sorglos wie ein Kind; und wennIhr nun heute oder morgen oder in einigen Tagen als eineverstümmelte Leiche auf dem Boden dieses verhaßten Kerkersliegt, wer anders als Katharine Seyton wird die Ursache sein,daß Euer fröhlicher, muthiger Lauf unterbrochen wird, wennIhr kaum aus den Schranken hervorgebrochcn seid? Ach! sie,die Ihr erwählt habt, Euren Kranz zu winden, wird wahr-scheinlich Euer Leichentuch zu wirken haben!"
„Es sei!" rief Roland in der vollen Gluth jugendlicherBegeisterung. „Wirke du mein Leichentuch! und wenn du solcheThränen darauf perlen läßt, wie sie jetzt bei dem Gedankendaran rinnen, so wird es meine Leiche mehr schmücken, als einGrafenmantcl meinen lebendigen Leib. — Aber pfui über dieseWeichherzigkeit! Die Zeit erheischt festen Muth. Sei ein Weib,