Druckschrift 
5 (1851) Der Abt
Entstehung
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

49

flämischem Schnitte; der einzige Schmuck, den er trug, war eineSpange mit Juwelen, mit welcher die Krempe seines hohenHutes auf einer Seite aufgeschlagen war. Seinen Dolch hatteer an der Seite, sein Degen lag auf dem Tische.

Bor diesen Mann nun trat der Jüngling mit banger Ehr-furcht, ganz im Widerspruch mit seiner gewöhnlichen Unverzagt-heit und Lebhaftigkeit. Von Natur und durch seine Erziehungwar Roland keck, aber nicht unverschämt; er beugte sich leichtervor der moralischen Ueberlegenheit eines hochbegabten und be-rühmten Mannes, als vor Ansprüchen, die bloß auf Rang undäußeren Glanz gegründet waren. Er würde vielleicht sehr gleich-gültig vor einen Grasen getreten sein, den bloß sein Wehrgehenkund seine Krone auszeichnete, aber vor dem ausgezeichnetenKrieget und Staatsmann, der die Macht eines ganzen Volkesin seiner Hand zu vereinigen wußte, vor dem Führer der HeereSchottlands beugte sich sein Stolz. Die Größesten und Wei-sesten fühlen sich geschmeichelt durch bescheidene Anerkennung derJugend, welcher ein solches Verhalten so wohl ansteht. Murraynahm mit vieler Höflichkeit dem verschämten und erröthendenEdelknaben den Brief aus der Hand und antwortete freundlichauf den gestotterren Gruß, welchen derselbe von Herrn HalbertGlendinning ausrichtete. Er verschob es sogar einen Augenblick,den Scidcnfaden zu zerreißen, mir welchem der Brief verschlossenwar, und fragte den Jüngling, dessen Schönheit ihm auffiel,nach seinem Namen.

Roland Graham?" wiederholte er auf die zögernde Ant-wort des Gefragten.Bon den Grahams aus dem StammeLennox?"

Nein, gnädiger Herr," antwortete Roland.Meine El-tern habe» in dem Streitigen Lande gewohnt."

Murray fragte nicht weiter, sondern begann den Brief zu

Der Abt. II. 4