166
und dessen kunstreiche Verzierung und Vergoldung bereits sehr ab-genutzt waren durch plumpes Anfassen oder durch Vernachlässigung.
Trotz der Schmucklosigkeit seines Anzugs hatte Julian von Ave-nel in Blick und Haltung bei wtitcm mehr Würde als seine Diener.Er mochte fünfzig Jahre alt sein oder etwas mehr, darnach zuschließen, daß sein dunkles Haar mit grau gemischt war. Alleindie Jahre hatten weder das Feuer seines Blickes noch den Ausdruckvon Entschlossenheit in seinem übrigen Wesen gemindert. SeinGesicht war einst schön gewesen, denn Schönheit war ein Erbstückder Familie; allein die Züge waren hart geworden durch Müh-seligkeiten und durch den Einfluß von Wind und Wetter, und rohdadurch, daß er stets seinen wilden Leidenschaften gcfröhnt halte.
Er schien in tiefe finstere Betrachtungen versunken zu sein,und ging entfernt von seinen Knechten am oberen Ende desSaales auf und ab, oder stand auch jczuweilcn still, um einenGanshabicht zu liebkosen und zu füttern, der auf seiner Faust saß,und dessen Fesseln er um die Hand gewickelt hatte. Der Vogel schiennicht unempfindlich gegen seines Herrn Aufmerksamkeit und erwi-derte seine Liebkosungen damit, daß er seine Federn sträubte undspielend nach seinem Finger hackte. In solchen Augenblicken lächelteder Freiherr, aber gleich darauf nahm er wieder seine finstere, nach-denkliche Miene an. Sein Auge ließ sich selbst nicht durch einenGegenstand onziehen, an welchem nicht leicht jemand so oft hättevorübcrgehen können, ohne ihm einen flüchtigen Blick zuzuwerfen.
Es war dieß ein Weib von ausgezeigneter Schönheit, mehrschmuck als reich gekleidet. Sie faß auf einem niedrigen Sitz an demhohen Kamin. Die goldnen Ketten um Hals und Arm, der lebhaftgrüne, auf dem Boden nachschleifende Rock, der silbcrgestickteGürtel mit dem hausmütterlich an einer Silberhelle herabhängen-dcn Schlüsselbund, das gelbseidene Kopftuch, welches ihre schwarzenHaare zum Theil verbarg, vornehmlich aber die im alten Liede