76
läge ein Verbot in ihren Abschiedswortcn, welche ihm anempfohlenhatten, eines anderen Führers zu warten. Lange jedoch besanner sich nicht. Kühnheit war sein vorherrschender Charakterzug,und bei der neuerdings eingctrctenen höheren Spannung seinerGefühle hatte dieselbe eher zu- als abgenommen. Er zog seinSchwert, streifte den Halbstiesel ab, verbeugte sich drei Mallangsam gegen den Baum, eben so oft gegen die Quelle undwiederholte wie das vorige Mal die Reime:
„Drei Mal zur Eiche,
Drei Mal zum Wafferquell.
Nieder Dich neigeJungfrau von Avenel!
Mittagsstrahl glänzt im Teich,
Glüht i» dem Sturzbach hell.
Niedersteig, niedersteig,
Jungfrau von Avenel!"
Sein Auge ruhte auf dem Baum, als er die letzten Wortesprach, und nicht ohne einen unwillkührlichen Schauder sah erdie Luft zwischen diesem und zwischen seinem Auge sich verdüsternund gleichsam verdichten zu einer Gestalt, durch welche hindurch,wie durch einen Flor, er noch die Umrisse des Baumes erkennenkonnte. Die Erscheinung ward allmählig körperlicher, und wiefrüher stand das weiße Fräulein vor ihm, aber mit Mißfallenim Blick. Sie sprach und ihre Sprache war auch diesmal Ge-sang oder vielmehr ein zwischen Singen und Sprechen die Mittehaltender Vortrag, nur mit dem Unterschied gegen früher, daßbei dieser Gelegenheit die Verse zum Lheil reimlos waren, alsspräche sie jetzt vertraulicher, zum Thcil aber auch wieder, wiefrüher, die lyrische Form hätten. Sie begann: