209
standen in einem sonderbaren Verhältnisse zu einander. Einengroßen Theil unserer Zeit brachten wir, nach beiderseitiger Wahl,mit einander zu; dennoch verhehlten wir uns unsere Gefühle gegen-seitig, und die Handlungen des Einen machten den Ändern eifer-süchtig oder empfindlich. Es war zwischen uns Vertraulichkeitohne Vertrauen; auf der einen Seite Liebe ohne Hoffnung oderZweck und Neugier ohne einen vernünftigen oder zu rechtfertigendenBeweggrund; auf der andern Seite Verlegenheit und Zweifel, zudenen sich gelegentlich Unmuth gesellte. Dennoch glaube ich, daßdiese Erweckung der Leidenschaften, die fortdauernd durch tausenderregende und anziehende, wenn auch kleinliche Umstände, uns im-mer aneinander denken ließ, dazu beitrug, die Neigung zu erhö-hen, die uns gegenseitig anzog. Obgleich meine Eitelkeit früh ent-deckt hatte, daß meine Anwesenheit in Osbaldistone-Hall Diana'sAbneigung gegen das Kloster verstärkte, so konnte ich doch keines-wegs aus eine Zuneigung bauen, die von den Geheimnissen ihrerseltsamen Lage vollkommen abhängig zu sein schien. Miß Vernonwar von einem zu entschiedenen und verschlossenen Charakter, alsdaß ihre Liebe zu mir ihr Pflichtgefühl oder ihre Klugheit hätteüberwältigen können, und sie bewies mir das in einer Unterredung,die wir um diese Zeit hatten.
Wir saßen beisammen in der Bibliothek, Miß Vernon blät-terte in einer Ausgabe des rasenden Roland, die mir gehörte, undein beschriebenes Blatt fiel heraus. Ich wollte es schnell aushcben,allein sie kam mir zuvor.
„Es sind Verse," sagte sic, auf das Papier blickend, und in-dem sie cs zögernd entfaltete, als ob sie meine Antwort erwartenwollte, fuhr sie fort: „Darf ich mir die Freiheit nehmen? — O,wenn Ihr erröthet und stammelt, muß ich Eurer BescheidenheitGewalt anthun und die Erlaubniß voraussetzen."
Robi» der Rothe. I.
14