Druckschrift 
2 (1851) Robin der Rothe
Entstehung
Seite
75
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die ich je sah, gemildert. Wie auffallend und ungewöhnlich mirauch ihre freien Mittheilungen verkommen mochten, ist doch nichtdaran zu denken, daß ein junger Mann von 22 Jahren ein reizen-des Mädchen von t8 Jahren streng deshalb tadeln sollte, weil cssich nicht in der gehörigen Entfernung von ihm hielt. Im Gegen-theil fühlte ich mich durch Miß Vcrnons Vertrauen gleich sehr un-terhalten und geschmeichelt, und das ungeachtet ihrer Erklärung,daß sie es mir nur bewiese, weil ich der erste Zuhörer sei, der sichihrbötc und genug Verstand besäße, sie zu verstehen. Mir der An-maßung meines Alters, die wahrlich durch meinen Aufenthalt inFrankreich nicht vermindert war, bildete ich mir ein, daß wohlge-sormte Zügc und eine hübsche GestaltBeides zu besitzen schmei-chelte ich mir keine unpassenden Eigenschaften für den Vertrau-ten einer jungen Schönheit wären. Da meine Eitelkeit so auf derSeite der Miß Vernon stand, war ich weit entfernt, sic mit Strengezu beurtheilen, nur wegen einer Freimüthigkeit, die, wie ichglaubte, durch mein eigenes persönliches Verdienst einigermaßen ge-rechtfertigt wurde; und die Gefühle der Parteilichkeit, welche ihreSchönheit und ihre verlassene Lage mir einflößtcn, wurden durchmeine Meinung von ihrem Scharfsinn und ihrem richtigen Urthcilbei der Wahl eines Freundes, noch erhöht.

Nachdem Miß Vernon das Zimmer verlassen hatte, kreiste,«der flog vielmehr die Flasche unablässig um den Tisch. Meinefremde Erziehung hatte mir einen Widerwillen gegen Unmäßigkeiteingeflößt, die damals unter meinen Landsleuten zu gewöhnlichwar, und cs noch jetzt ist. Die Unterhaltung, die sich zu solchenOrgien paßte, war eben so wenig nach meinem Geschmacke, undwenn sic mir durch irgend etwas noch widerlicher gemacht werdenkonnte, so war es die Verwandtschaft mit der Gesellschaft. Ich er-griff deshalb eine glückliche Gelegenheit, und entfloh lieber durcheine Seitenthür, die, ich wußte nicht wohin, führte, als daß ich