181
Bruder sowohl als Schwester bewahrten das tiefste und dankbarsteGefühl für ihre Güte.
Nachdem ich so die Grundzüge von Floras Charakter geschil-dert habe, kann ich das Andere leichter übergehen. Sie war sehrgebildet und hatte sich jenes elegante Wesen angceignet, welchessich von einer Dame erwarten ließ, die in ihrer früheren Jugend dieGesellschafterin einer Prinzeß war; aber sie hatte es nicht gelernt,den Schein der Höflichkeit der Wirklichkeit des Gefühles unterzu-schicben. Als sie sich in der einsamen Gegend von Glennaquoich nic-derließ, fand sie, daß ihre Hülfsqucllen in der französischen, eng-lischen und italienischen Literatur nur spärlich und mangelhaft seinwürden, und um die müssige Zeit derselben auszufüllen, verwen-dete sie einen Theil derselben auf die Musik und die poetischen Ueber-lieferungen des Hochlandes, und sic fand dabei bald das Vergnügenwirklich, welches ihr Bruder, dessen Begriffe literarischen Verdien-stes etwas derber waren, mehr wegen der Popularität erheuchelte,als wirklich fühlte. Ihre Absicht wurde bei diesen Nachforschun-gen durch das Entzücken bestärkt, welches ihre Fragen bei denenzu erwecken jchiencn, an die sie sich um Belehrung wendete.
Ihre Liebe zu ihrem Clan, eine Anhänglichkeit, die in ihremBusen fast erblich war, war wie ihre Ergebenheit für die Königs-familie eine reinere Leidenschaft, als bei ihrem Bruder. Er war zusehr Politiker, und betrachtete seinen patriarchalischen Einfluß zusehr als ein Mittel, sein eignes Steigen zu bewirken, als daß wirihn das Muster eines Hochlands-Häuptlings nennen könnten.Flora fühlte denselben Drang, ihre patriarchalische Herrschaft aus-zubrcitcn, aber aus dem grvßmüthigen Verlangen, der Armuthoder wenigstens doch dem Mangel und der fremden Bedrückung diezu entreißen, über welche ihr Bruder durch seine Geburt nach denBegriffen der Zeit und des Landes zu herrschen bestimmt war. J^reErsparnisse, denn sie bezog eine kleine Pension von der Prinzeß So-