Druckschrift 
1 (1859) Einleitung; Die Familie Schroffenstein; Penthesilea; Amphitryon
Entstehung
Seite
XXXVII
Einzelbild herunterladen
 

Einleitung.

XXXVII

natürliche Tochter wurden vorbereitet. Man hatte die wunderlich-sten Experimente angestellt: die französische Tragödie, das lateinischeLustspiel in Masken; Jon, Alarkos, Turandot, Iphigenie, das alleshatte man auf dem Theater gcsehn; daneben Johanna von Mont-fancon und die übrigen Kotzcbne'schcn Spektakelstücke sowie Collin'srührende heroische Deklamationen; selbst die Vorlesung der Genovevahatte Beifall gefunden. Mau arbeitete ältere Stücke um und machteJagd auf neue. Der Dichter der Familie Schroffenstein hätte eigent-lich mit offnen Armen ausgenommen werden sollen; doch scheint ermit seiner Poesie garnicht hervorgetreten zu sein. Nur einen denk-würdigen Bericht haben wir ans jener Periode, einen Brief Wie-land's vom 10. April 1804.

„Schon ans der Schweiz schrieb mir mein Sohn Ludwig, derjetzt in Wien ist, von Kleist als von einem außerordentlichen Genie,der sich mit aller seiner Kraft ans die dramatische Kunst geworfenhabe, und von welchem etwas viel Größeres, als bisher in Deutsch-land gesehen worden, zu erwarten sei. Im Herbst 1802 verließenbeide die Schweiz und Kleist fand Gelegenheit, meinem Sohn einensehr wesentlichen Dienst zu leisten. Sie reisten eine Zeit lang mit-einander, trennten sich sodann und Kleist ging nach Jena, meinSohn aber zu mir nach Osmanstädt, welches ich zu verkaufen ent-schlossen war, und auch wenige Monate darauf einen Käufer dazufand, dem ich es acht Tage nach Ostern 1803 einräumte. Kleistzog nach einem kurzen Aufenthalt in Jena nach Weimar, miethetesich ein Quartier, so gut es in der Eile zu haben war, und besuchtemich ein oder zweimal auf meinem Gut. Wiewohl mir nichts mehrzuwider und peinlich ist als ein überspannter Kops, so konnte ichdoch seiner Liebenswürdigkeit nicht widerstehen. So oft dies in mei-nem ganzen Leben bei einer neuen Bekanntschaft der Fall war,entrainirte mich meine natürliche Offenheit und Bonhommie weiterals die Klugheit einem kaltblütigen Menschen erlauben würde. Desto