XII
Einleitung.
gisch erklären. Dazu kommt das RLthsel seines unglücklichen Todes.In ihren seltsamsten Verzerrungen scheint seinem Gedicht eine empi-rische Wahrheit zu Grunde zu liegen: er selber konnte so empfindenund unter Umständen so handeln wie seine Helden. Das Leben deSDichters hat in diesem Fall eine tiefere Bedeutung für das Verständ-nis; seiner Dichtungen.
Heinrich von Kleist wurde am 10. October 1776 zu Frank-furt a. O. geboren, wo sein Vater in Garnison stand. Seine ersteErziehung erhielt er in Gemeinschaft mit einem Vetter durch einenHauslehrer: derselbe schilderte ihn später als einen nicht zu dämpfen-den Fenergeist, der sich selbst bei geringfügigen Veranlassungen exal-tirte, und wenn auch unstät genug, doch jedesmal, wo cs ans Be-reicherung seiner Kenntnisse ankam, mit großer Fassungskraft undeifrigem Wissenstrieb vorwärts strebte, während sein minder begabterVetter (der sich später gleichfalls erschoß) ihm nicht folgen konnte)In seinem elften Jahre (1787) verließ Kleist das Haus seiner El-tern, die um diese Zeit gestorben sein müssen, und ward einem Pre-diger in Berlin zur weitern Ausbildung anvertrant. 1795 trat erals Fähndrich bei der Garde zu Potsdam ein, und machte den Rhcin-feldzug mit: ein eleganter, lebeuSfrischcr junger Mann, mit einemgroßen musikalischen Talent ausgestattet. Seine nächste Vertrautewar seine lustige Schwester Ulrike. — In dieser Zeit hatte er einVerhältnis; mit einem jungen Fräulein; als dasselbe Plötzlich rück-gängig ward, vernachlässigte er sein AeußercS, zog sich von den Men-schen zurück, und warf sich auf das Studium der Mathematik undder formalen Logik. Wie bei allem, was er trieb, nahm er es mitdiesen Studien sehr genau: er war durchaus keine dilettantische Na-tur. Da er einsah, daß sein Streben nach Bildung — nach seinemund seiner Zeitgenossen Begriff das höchste und einzig würdige Zieldes Menschen — im Garnisonleben nicht befriedigt werden könne,nahm er trotz der lebhaftesten Vorstellungen seiner Familie den Ab-