496
Blütc der ritterlichen Lyrik und Epopöe.
mehr die des Predigers. An den mündlichen, versinnlichenden Vortragdes Redners erinnert wieder die Scene, in der er mit wahrer Glut eineUnterredung des Teufels mit der Hölle erzählt nach dem Tode des Erlö-sers, der nun kommen soll, des Satans Willkür zu brechen. Ebenso dieForm, daß er in dem Lob unserer Frauen, wo er gleichfalls das sonstZerstreute über dies Thema gleichsam zusammeufaßt, die Maria redendeinführt, was auch schon früher geschieht, wo bei Christus' Leiden amKreuz der Dichter die Mutter fragt, wie ihr da zu Muthe gewesen, unddann ihr selbst eine lauge Rede in den Mund legt. In den erzählendenLegenden des dritten Thcils hört dieser schwungreichere Ton des Predi-gers auf. Diesen oft langweiligen, oft gräßlichen Stoff konnte auchdieser Dichter nicht fesselnd oder angenehm machen. Dennoch verleugnetsich auch in diesem Theile die geistige Bildung und Uebcrlegenheit dessel-ben nicht. Es ist das Charakteristische dieser Sammlung, daß der Dichternicht auf den abenteuerlichen Heiligen und Märtyrern mit der größerenVorliebe verweilt, sondern auf denen, die eine geistige Bedeutung haben.Das Leben des Augustinus ist daher der Glanzpunkt dieses Thciles,dessen innere Kämpfe, Entwicklungen und Lehren mit leichtem Verständ-nisse eindringlich behandelt sind.
Etwas kürzer wollen wir uns über die Gedichte zur Ehre der hei-ligen Jungfrau fassen. Sie sind von zweierlei Gattung, entweder lyrischund psalmeuartig oder episch und hymncuartig. Auf dem Leben der Mariavom Pfaffen Wernher bauten sich erweiterte poetische Biographien ans.Die ältere darunter, die aber schon in den Anfang des 14. Jahrh. fällt,ist von Bruder Philipps), der (nach der PommersfcldcrHandschrift)in der steirischen Karthause Seitz dichtete; sie verhält sich zu Weruher'sGedicht etwa so, wie Rudolfs und Eschenbach's Alerander zu Lambrecht;ganz so ist der Stoff ausgedehnt, und die alte Quelle verlassen und eineweitere oder schlechtere, die wir vorhin in Note 460 angezeigt haben,an die Stelle gesetzt. Dem Philipp war der Tert des Wernher bekannt,wie dem Rudolf der Lambrecht, cs ist aber merkwürdig, wie alles Schöneund Treffliche verwischt oder entstellt ist. Die Frömmigkeit, die ausPhilipp spricht, steht gegen die Heiligkeit des Wernhcr'schen Gedichtseben so zurück, wie etwa Rudolfs Barlaam gegen die Kaiserchronik, undwieder sogar vor den späteren Lebensbeschreibungen der Maria, wieRudolph gegen manche Gedichte späterer Jahrzehnte. Sein Werk sticht
LK2) Loil. ?r>. öio. 3Si, Nun heransg. von H. Rückert. Qucdl. 1853.