Gottfrieds Schule. Weltliches.
471
bewußt fordert er sein Ebenbild, seinen Freund Dietrich auf, für ihn zukämpfen; dieser siegt, erhält die Engcltrut znr Gattin nnd liegt bei ihr,durch das scheidende Schwert getrennt; wie Engelhard mittlerweilebei Dictrich'S Weibe dessen Rolle vertritt. Bald stirbt König Frutc,Engelhard erbt das Reich, die Rollen werden wieder getauscht, lieberlange aber bekommt Dietrich die Miselsucht; nur das Blut von Engel-hard's Kindern soll ihn heilen, nnd Engelhard bedenkt sich nicht, diesendie Köpfe abzuschlagcn; ein Wunder aber stellt sie wieder her. Mansicht leicht, wie fein sich hier unverträgliche Dinge anfangcn zu mischen,Form und Inhalt sich zn widersprechen. Im Anfang bildet die Erzählungein Scitenstück zu den weichen Minncgeschichtcn, die wir zuletzt erwähn-ten, doch ist der sonstige Schmelz dieser Srenen nicht mehr erreicht; dannbietet der Nollentausch der Männer eine jener kitzlichcn Situationen dar,die aber der ehrbare Konrad nicht in dem Stile der Zeit ansbeutet. DerZweikampf scheint eine Bestätigung der Gottfricd'schen Ansicht von denGottcSurthcilen werden zu sollen, wie windschaffcn der heilige Christ sei,aber der ernste Ausgang ist schon ganz in dem Sinne der Zeit der zweitenHälfte des 13. Jahrh., wo man in der Literatur die religiöse Acngst-lichkcit uud Zerknirschung hervorstcchen sicht, und in dem Sinne desDichters, der in dem kleinen Gedichte von der Welt Lohn, in einer andie Person des Wirnt von Gravcnberg geknüpften Allegorie, den allge-meinen Rath gibt, die Welt fahren zu lassen um die Seele zu bewahren.Der letzte Zug endlich, die Ermordung der Kinder, bereitet (wie dieErmordung der Mutter durch den Sohn in Graf Mai, wie im Otto mitdem Barte die Züge der Vasallenrohheit) schon auf den Charakter dergrößeren Dichtungen dieser und der folgenden Periode vor, wo dieanarchische Zeit dergleichen Härten zu herrschenden Bestandthcilen macht,die sich hier in den glatten, geleckten Formen der sanften guten TageHartmann'ö und Gottfried'S cigenthümlich fremdartig ausuehmen.
Die kleinen Erzählungen, die Novellen, Schwänke, „Abcndmähr-chen", die ohne tiefere Zwecke, zur Kurzweil, als „Wendunmnt" ge-schrieben sind, haben in dieser Zeit der absinkcnden epischen Dichtungihren Höhepunkt, wie eS bei einer Gattung natürlich ist, die so oft durchihre Darstellungen ans der wirklichen Welt, absichtlich und unabsichtlich,einen Modischen Gegensatz gegen die ritterliche Epik bildet. Auch unterden Franzosen trat erst in dieser Zeit Rntebeuf (Hrsg, von Jubinal 1837)als der Meister in dieser Dichtungsart auf, deren satirische Schärfe gegendie Standcsübcrtreibungcn des ritterlichen nnd geistlichen Lebens indieser Nation besonders treffenden Ausdruck nnd begierige Aufnahme