Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
462
Einzelbild herunterladen
 

462

Blute der ritterlichen Lyrik und Epopöe.

von Flore und Blanschcslnr^^ neben Tristan halten. Wie ge-schickt Gottfried seiner einfachen Erzählung ein großes Interesse zu gebenwußte, haben wir so eben gesehen; dem Ko nrad Fleck, dem gcmüth-lichcn (schwäbischen oder schweizerischen) Dichter oder Ucbersetzcr des ge-nannten Romans (um 1230) gelang das nicht. Und doch ist sein Ge-dicht eine so liebliche Erscheinung, wie wir deren wenige haben, sofreundlich erzählt, so mild gehalten, wie man nur immer einen solchenhalb mährchcnhaften Gegenstand behandelt sehen möchte. Es macht dcirDeutschen alle Ehre und zeigt auf Einen Blick, von welcher Neberlegen-heit Sinn und Geschmack bei uns war, wenn man Reinhart Fuchs,Alexander, Parzival, Tristan, und Alles, wo eS nur möglich ist, mitden fremden Bearbeitungen vergleicht, und findet, daß wir stets mitrichtigem Takte das Beste ergriffen und das Einfachste fcststclltcn oder her-stellten, was meistens bei den Nationen selbst, aus denen wir schöpften,verloren ging. Den französischen Quellen unserer besten Gedichte konnteman nicht ans die Spur kommen. So hat dieser viclbehandcltc Romanvon Flore und Blanscheflur, der den Boeeaceio beschäftigte, der in alleSprachen, sogar ins Neugriechische übersetzt ist, und in Deutschland inmehreren Mundarten und in neueren und neuesten Prosen und Versencristirt, nirgends eine schönere, einfachere, reinere Gestalt als bei unseremKonrad. Selbst das französische Original^), die mittelbare oder un-mittelbare Quelle aller späteren Nachbildungen, der auch Fleck in freierNachdichtung folgt, so vortrefflich cs der Herausgeber unseres deutschenGedichtes in seiner ächten Gestalt preist, so unerreicht er es von jedemanderen Bearbeiter findet, nennt er doch von Fleck übertroffen, den ermit Recht unter den Dichtern zweiten Ranges aus dieser Zeit an Zart-heit und Frische der Empfindung, an Lebendigkeit und Wahrheit derDarstellung über jeden anderen hinanssctzt. So wohlbehandelt aber dieseMähre von diesen beiden Dichtern, so gefällig sie noch 50 Jahre nachFleck auch in der niederländischen Erzählung des Dirk von Assencde ist,so ist doch ihr Werth überhaupt und der des deutschen Gedichtes imBesonderen ein weit eingeschränkterer, als der des Tristan, dessen Helden

419) AuSg. v. E. Sommer. I8i6.

420) Den französischen Roman hat I. Bekler herausgegebeu (Berlin 1844) an-der Pariser Hs» 6887, die aber einen überarbeiteten Tert enthält, dem unser spätererniederdeutscheFloS undBlanksios folgt. Die Erzählung des Dirk». Affenede in Hoffman»'sIioras balg. 3. Ueber die Bearbeitungen in fremden Sprachen s. die EinleitungSommer'S.