426 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.
wir zugleich näher aus die Gründe dieser Wandelung hin geleitetwerden.
Wir haben schon oben vorübergehend den Winsbeke^') berührt,ein Gedicht, das mitten in der besten und ehrenhaftesten Zeit der Rit-terschaft und der Ritterdichtung entstanden, mitten neben die Muster-thaten der alten Helden das Pflichten- und Sittengesetz deS Ritterthumsaufpflanzt, in der Form von väterlichen Ermahnungen an einen Sohn.ES ist dies einer der theuersten Reste unserer ritterlichen Poesie, weildie Lebensregcln, die darin aufgestellt sind, nicht nur dem Schönsten zurSeite gesetzt werden dürfen, was über Sittlichkeit und würdiges Lebengesagt ist, sondern auch dem Allgemeingültigsten, da sie das Gleich-gültige der äußern und stanvesmäßigen Sitte verschmähend den Blickauf das Ewige zu lenken trachten. ES liegt etwas ungemein Rühren-des und Erhebendes zugleich in dem sanftfeierlichen Tone der Ermah-nungen, die der greise Vater dem Sohne mit in das Leben gibt. Esredet der ehrwürdige Alte, der die Rechnung seines Lebens abgeschlossenbat, dessen ganze Freude und Hoffnung hinfort auf den Sohn gerichtetist, dem er, nachdem er selbst mit Ehren seines Hauses gewaltet, diePflege desselben vertraut, mit herzlicher Innigkeit, mit edler Beschei-denheit ihm die Erfahrungen und das Beispiel seines eignen Lebensvorhaltend, und ohne fürder eine andere Sorge zu haben, als daß esseinem Erben auf Erden und im Himmel nicht missegche, ohne einenanderen Wunsch, als daß sein Name und seines Namens Ehre auch imSohne erhalten werde. Jene höchste Religiosität spricht aus ihm, dieder Welt Wandel gering achtet, ohne darum aber die irdische Laufbahngrollend zu verachten. Es ist jene schöne und seltene Frömmigkeit, dieherzliche Liebe und Vertrauen auf Gott festhält, auch nachdem siedenLauf der Welt hat kennen gelernt; jene schöne Verbindung von tieferMenschenkenntniß mit der Richtung auf daS Ewige und Innere, diestets zu Geringschätzung des alltäglichen Treibens der gewöhnlichenMenschen, aber nie zu Verachtung der Menschheit und des Lebens führt,die das Besondere und die falsche Richtung deö Thciles erkennen, abernie das Ganze und seine Bedeutung verkennen kann, die nie erlaubt,das Leben mit Leichtsinn zu vertändeln, noch ihm mit bitterer Verhöh-nung den Rücken zu kehren, die stets jene wechselnden Eindrücke vonVergänglichkeit der weltlichen Dinge und von dem Dasein ewiger Zweckenährt. Am Gottesdienste, empfiehlt der weise Vater seinem Sohne,
Z8l) In Benecke's Beiträgen 2. Bd» und AuSg. v» Haupt. Leipzig 1845.