Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
425
Einzelbild herunterladen
 

Didaktische Dichtungen.

425

mittel- und unmittelbar auf Jahrhunderte fortgewirkt. Der eine istWalther von der Vogelweide, der sich mit seinem Spruchgedichte gleich-sam dem Leben und Handeln, dem Singen und Sagen dieser ritterlichenWelt gcgenüberstellte, den Standescharakter ablegte, allgemein dasMenschliche ins Auge faßte, und so eine gewisse Gattung von dichteri-scher Lebenskritik eröffnete, die zunächst von zwei Hauptwerken fortgesetztwurde, welche mit Walther gleichzeitig sind und in offener Beziehung zuihm stehen. Diese Werke ihrerseits gruben sich in die Nation ein undbilden mit den ähnlichen Schriften, die sie anregten, eine Brücke biszur Reformation hinüber, der ersten Zeit, die nach dieser ritterlichenEpoche wieder von neuer Bedeutung für unsere Bildungsgeschichte wird.Diese ganze Gattung lagerte sich der erzählenden Dichtung gegenüberund zerstörte sie allgemach. Was diese selbst angeht, so bewegte sich dasVolksepos in sich selbst und in dem herkömmlichen Stile fort bis es sichalternd überlebte, und neben ihm gingen die französischen Volkssagenhin, die in Uebersetzungen unterhalten wurden. Diese beiden Zweigelassen sich nicht auf persönliche Vorbilder zurückführen, alles Uebrigeaber theilt sich in die zwei grellen Richtungen, die Gottfried und Wolf-ram angegeben hatten. Fast Alles, was der Blütezeit der ritterlichenKunst näher lag und der höfischen Sitte und Art treu blieb, schloß sichan den künstlerisch bedeutenderen Gottfried an und um ihn gruppirt sichdie ganze Nachblüte dieser Zeit. Alles was in Leben und Kunst tiefereBeziehungen nach Wissenschaft und Religion und mehr Verwandtschaftmit der lehrhaften Dichtung suchte, lehnte sich an Wolfram und schobin der Zeit vorwärts, so daß Wolfram und Walther im Andenken derMeistersänger noch lebten, als Gottfried und Hartmann lange vergessenwaren mit aller Poesie, die sie gepflegt hatten. Die Wolframsche Rich-tung nach einer gewissen Mystik, nach Religiosität, nach einer Weihedes innen: Lebens überwog gleich in den traurigen Zeiten der zweitenHälfte des 13. Jahrhunderts so, daß ganz deutlich in den DichternGottfriedischec Schule selbst noch eineAenderung wenn nicht der Manier,so doch der Sinnesart, des Geschmackes und der Wahl der Stoffe sicht-bar wird. Alles nimmt den Zug von dem Weltlichen weg nach demGeistlichen, von der kräftigen Denkart eines Walther zu einer weichemund frommen, von der muthwilligen und freien des Gottfried zu einerverzagten und ängstlichen. Ehe wir diese Veränderungen in den erzäh-lenden Dichtungen betrachten wollen, wo wir nur mehr das Thatsäch-liche beobachten können, machen wir uns mit der Lehrdichtung, diesich ohnehin der Zeit nach unmittelbar anschließt, zuerst bekannt, wo