Druckschrift 
1 (1853)
Entstehung
Seite
422
Einzelbild herunterladen
 

422

Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.

trefflich gezeichnet; ein Gemälde menschlicher Schwachheit und Leiden-schaft, daS trostlos schön entworfen ist. Jetzt bereut er seine Großmuth;er fährt im Walde herum, uud als daS die Liebenden merken, wollen sieanch jetzt den Schein der Treue gegen ihn retten und legen zwischen sichein nacktes Schwert als Symbol ihrer Nnschnld. So ein kleiner Strahlvon Hoffnung richtet den von Trauer und Einsamkeit gequälten Markewieder ans und er nimmt sie wieder an den Hos; geblendet von Liebewußte er zwar, wie eS um sie stand, aber wollte es nicht wissen. Dasbraucht nun der Dichter zur Entschuldigung. Wem soll man, fragt er,die Schuld an dem ehrlosen Leben der Beiden geben, da Begierde undLust den Marke so blendeten, daß er Alles vergessen wollte, waö sic ihmthaten? Er wirft ihm den Fehler vor, daß er ihnen nun wieder ihrSpiel verderben will und sie damit nur um so mehr reizt. Er wirft ihmdaS Hüten des Weibes vor, waö in jedem Falle verloren sei, da mandie Böse nicht hüten könne, die Gute nicht dürfe; sie hüte sich selber;jeder andere Hüter sei ihr verhaßt; und wenn gute Gesinnung auf dieseWeise zum Nebeln gebracht werde, so trage sie noch üblere Früchte, alsdie stets übel gewesen ist. Die Liebe erzwingen sei ja nicht möglich, manlösche die Liebe mit dem Versuche; man müsse nichts verbieten, dennManches geschähe durch Verbot, waö außerdem nicht geschehen wäre:dies sei den Weibern angeboren, deren Urahnfrau gebrochen was ihrGott verbot, und es gewiß nicht gethan hätte, wäre ihr nicht ver-boten gewesen. Mit bloßem Verbieten könne man noch heute die Evenzu Hunderten machen, die sich selbst und Gott verlören. Das Weib, dasaus dieser Art schlägt, und die gerne Lob und Ehre bewahrt, sei einMann an Gesinnung und nur mit Namen ein Weib; an ein Weib dieserArt verschwendet er nun sein größtes Lob. Nun sollte man meinen, demGedankengange zufolge müsse zwischen diesem Ideale der Weiblichkeitund der Jsold geschieden werden, allein im Gegcntheil, diese Jsold wirdals ein solches Muster geradezu aufgestellt. Vor einer solchen Logik desFrauendienstes muß die unsere natürlich die Segel streichen. Und mandarf sich nur in dem wälschen Gaste umsehen, um zu finden, daß dieseDenkart damals die würdigsten Männer durchdrang. Im Verfolgeder Geschichte wird dann Tristan aufs neue überführt und macht sichnun vom Hofe fort. Ec kommt zu der zweiten Jsold. Leichter in seinerLeidenschaft als das Weib, wird der Mann von ihrer Schönheit sogleichangeregt und beginnt, mit seinem Herzen zu spielen, sich sophistischhinter den Namen zu verkriechen, um seine Treue ein wenig zu betäuben.Als er sieht, daß es in ihr Ernst wird, kommt er wieder zur Besinnung