Gottfried von Straßburg.
421
offenbar, „daß der heilige Christ windschaffen wie ein Aermel ist!" Mansieht wohl, daß ein aufgeklärter Mann mit Heilthümern und Gottes-gericht hier seinen Spott treibt, ähnlich wie in der Novelle von Aurassinund Nieolette unter dem Schleier derselben gefallsüchtigen Naivetät undverbildeten Einfalt mit Ritterthum, kindlicher Pietät und Heiligcn-wundern ein freies Spiel getrieben wird. Vielleicht möchte man diesheute so gut hingehcn lassen, wie Friedrich's ll. sreigcistige Scherze überdas gelobte Land; aber wie ist doch auch die Ansicht von dem ganzenVerhältniß die sonst durchgeht! Wenn Gottfried von den untreuenHausgenossen redet, d'ie Honig im Munde und Haß im Herzen tragen,so sollte man Wunder meinen, welche treffliche Anwendung werde ge-machtwerden: am Ende sind die Hosleute gemeint, die es mit Markegut und ehrlich meinen. Wenn mau ihn von der Liebe reden hört, vonihrer Kraft und hohen Wirkung, von dem Verfall der ächten Liebe, undwie nur noch das zertricbne Wort, aber nicht die Sache übrig sei, sodenkt man, die herrlichste Schilderung reiner und heiliger Gefühle solledas Alles bewähren, wo gleich hernach die schandbarsten Anschläge fol-gen, wo kurz vorher der Vcrrath an Marke begonnen war, und wo nundies ganze Verhältniß als ein Ideal liebender Treue aufgestellt wird,weil auch freilich Jsold au dem Gegenstände ihrer sündigen Liebe mitall der Hingebung treu hängt, die sich sogar jede andere Freude versagt,ja zerstört. Als der betrogene Gatte mit Meineid und Allem getäuschtwar, täuscht ihn doch sein eigenes gesundes Auge nicht länger, der guteMann kann es nicht weiter mit ansehn, läßt die beiden Liebenden vonseinem Hofe gehen und überläßt sie sich selbst. In der Schilderung ihresZusammenlebens im Walde wandelt den Dichter Ariostische Laune undUebermuth an und er überläßt sich dem höchsten Schwung seines Genius.Die sinnige allegorische Deutung von der Höhle der Liebenden, das lau-nige Mitspielen des Dichters, die außerordentliche Leichtigkeit des Vor-trags, der hier mit dem reizendsten Schmucke bekleidet ist, Alles befähigtdiese Stelle mit dem Höchsten der romantischen Poesie zu wetteifern.Mau reiße dies einsame Leben der Liebenden heraus, betrachte cs fürsich und nur von Seite der poetischen Kunst, ob dies an Naturleben, auInnigkeit, an bezauberndem Kolorit hinter Medor und Angelica zurück-stcht. Oder man nenne uns irgend eine idyllische Episode der Spanierund Italiener, in der ein so zarter Dust ungekünstelter Unschuld weht,über die so frische, gesunde Freude au dem Leben in der Natur und einso reiner Hauch der Naivetät gebreitet ist. In diesem Leben der Wonnestört sie Marke wieder. Dieser arme Mann ist von dem Dichter vor-