400 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe.
kreis. Gab Lambrecht die geheiligte Zeit des Alerander nur an, sodeutet auch Wolfram auf die fündige des Parzival mehr mangelhaft hin,aber er läßt uns seine innere Reinigung und läuternde Entsündigungsehen, indem ihm an der Menschwerdung Gottes und der Entsühnungdes Menschengeschlechts die Hülfe Gotteö, an der er verzweifelte, erläu-tert und der innere Sinn geöffnet wird. Dies macht ihn dann des Lohnesder Gralherrschaft werth. Aber hier stehen wir wieder, wie am Ende desAlerander. Wir wollen nun wissen, welches war das Heil, das hierverheißen, das Glück, das hier erlangt war? Wohin endlich führte diesmühselige Ringen den sinnigen Dulder? was gab ihm sein neues Lebenzur Entschädigung für die Opfer, die er brachte? Allein ans diese Frage,ans die Frage nach der Seligkeit des inneren Lebens konnte doch auchjene Zeit nicht antworten, die nur kaum anfing, den Geist und das Herzmehr zu beschäftigen. Allein Dante schloß diesen Kreis und erledigtediese letzte Frage. Erst ihm gelingt's, einen reinen Gedanken poetisch zugestalten, diese schwierigste aller Aufgaben, die der neueren Poesie gege-ben ward; er gibt dabei alles Objcetive ganz ans und macht sich undseine eigne Seelengeschichte zum Gegenstand. Man ahnt, daß die Theileseiner Komödie dieser Trilogie entsprechen. Lambrecht wies seinen Aleran-der von den Pforten seines irdischen Paradieses ab; Wolfram führtseinen Parzival bis zu der Pforte seiner wunderbaren von himmlischenHecrschaaren bewachten Burg; Dante schließt seinen höchsten Freudcn-himmcl ans. Das Irdische und Weltliche ist der Gegenstand der Hölle,wie im Alerander; die Reinigung der Seele ist der Mittelpunkt des Par-zival; das Paradies ist der Mittelpunkt des Dantischcu Gedichts, nachdem alles Andere hinstrebt. Man ziehe auch den Eindruck auf die Leserzu Rathe: Man wird den Lambrecht'schen Alerander wie Dante's Höllemit dem meisten Vergnügen lesen, weil beide noch, treuer den Forderun-gen der Kunst, mit sinnlichen Gegenständen, mit einer Darstellung, undweniger mit abgezogenen Ideen zu thun haben; man wird über demParzival wie über dem Purgatorium leichtermüden, und in dem Himmelwerden die Meisten die Spur des begeisterten Dichters verlieren, undnur die werden ihn begleiten, „die früh den Nacken nach dem Engelsbrodewandten, an dem man wohl auch hier sich laben- aber nicht sich sättigenkann." Diese Gedichte also bezeichnen den Uebergang von der alten plasti-schen Kunst zu der neuen geistigen, und von jetzt an war so ganz moder-nen Epopöen, wie dem Messias und dem verlorenen Paradies, der Weggebahnt, welche Gedichte wieder in einer ganz ähnlichen Beziehung untersich liegen.