Wolfram von Eschcnbach.
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zwar durch Verhältnisse, Naturen und Ansichten, allein es fehlen dietausend Züge in Ausdruck, Meinung, Handlung, im Aeußercn und In-neren, die eine Persönlichkeit erst zeichnen. Alles Handeln ist charakter-los, alles Gefühl ohne Wahrheit, alles Thun fließt aus Launen, wiejede Begebenheit aus Zufall. Die Liebescmpfindungen der Besungenenentstehen und vergehen, man weiß nicht wie, jede einzelne ist eine Kirkeund Kalypso, ohne als solche einem Zwecke des Dichters zu dienen. AlleKraftäußcrung der Männer, unmotivirt wie sie ist, ist darum wedergeeignet, unsere Bewunderung als Tapferkeit, noch unseren Abscheu alsRohheit auf sich zu ziehen, so wenig wie ihre erhörte oder nicht erhörteLiebe eine Thcilnahme erregt; es sind Automaten, deren Handlungenwir selten aus einem inneren Triebe vor unseren Augen entstehen sehen.Wie der Dichter mit seiner Erzählung, so prahlt der Held mit seinerTapferkeit, die uns ganz gleichgültig läßt, weil wir die Quelle nirgendssehen, aus der sie fließt, während im Homer bald die Rache, bald dieEhrsucht, bald die Noth die lebensfrohen Helden zur Todesverachtungtreibt. Alle Fehler ferner, die uns an den britischen Romanen und andem Meisten, was das Mittelalter hervorgebracht hat, mißfallen, störenuns auch hier. Ueberall treffen wir auf die stolze Beschränktheit desStandes, der diese Dichtungen pflegte. Die Staaten des Mittelalterswaren überall auf Unterdrückung der Menge gegründet; diese Mengeward grausam verachtet, und so ward sie auch aus den Gedichten ver-drängt. Die Griechen lassen selbst den Sklaven und Knecht im Epos eineRolle spielen und das Volk ist überall der Hintergrund im Gedichte.Wenn bei aller Ueberlegcnheit au Poesie und Natur die Fabel der Iliassich nur unter den Hauptfiguren herumdrehte, wenn wir alle Kämpfe derHeere, alle Helden des zweiten und dritten Ranges, alle kleine Episo-den, alle Stimmen der Völker, alle Klagen der Weiber wegdenkcn müß-ten, was würde uns übrig bleiben? Es würde mit dem Vortreten Einerausschließlichen Kaste eine ähnliche kasteuartige Dichtung verknüpft sein,die uns mißhagen müßte, denn die Dichtung sehen wir am wenigstengerne sich in Einem und demselben, und gar in einem so beschränktenKreise bewegen. Dazu kommt dann, daß auch hier überall der Glanzund die Pracht, der Adel der Sitte, die Convenienz hcrvorscheint, wäh-rend im Homer der ganze Anstrich des Lebens, das uns geschildert wird,auf Armut, Naturzustand, kindliche Einfalt, große Unschuld und wennman will selbst auf Rohheit hindeutet. Wenn wir im Homer durch diegerade und einfache Natur der Helden hier und da die Stimme zarterEmpfindung, durch ihre rohe Tapferkeit das Mitleid und die Schonung,