Z88 Blüte der ritterlichen Lyrik und Epopöe. ^
größten gegenwärtigen Ideen. Später hat dies im Dante seine höchsteSpitze, wo geradezu die Zeit und Umgebung und die Seelengeschichtedes Dichters selbst den Stoff seines Gedichtes macht. Raubt diese Sub-jektivität den Werken dieser Männer, den ächten alten Volksepen gegen-über, von ihrem Werthc als epischen Gedichten, so kann man doch auchumgekehrDsagen, daß gerade die Frucht jener Subjektivität, die Durch-dringung ihrer Dichtungen mit Ideen, diesen, den schalen blos äußer-lichen Erzählungen der Jongleurs gegenüber, wieder allein den Rangepischer Gedichte zucckennen kann. Wie von Lambrecht's Alexander, sokann man auch von jenen zwei Dichtern, Wolfram und Gottfried, be-haupten, daß sie mit einem bestimmten Gedanken die Thcile ihrer Ge-dichte zu einem Ganzen binden, und nur darum kann man ihren Gedich-ten den Namen eines Epos beilegen, den in den fremden Behandlungenweder Parzival noch Tristan erhalten können. Dort sind sie Novelle undRoman, und der Uebergang von Epopöe in Roman, wie von Romanin Epopöe ist aus dieser Gegenüberstellung von selbst klar. Vielleichtnur mit Ausnahme der Roncevalschlacht tragen alle französischen undbritischen Romane diesen Namen mit vollem Recht; sie sind auch ebendarum alle in prosaischer Gestalt beliebter geworden, die dem Romaneweit besser ansteht, als die poetische. Die Alerandcrsage war zum Ro-man geworden, Lambrecht aber gab ihr den Anspruch auf den Nameneines epischen Gedichtes, wenn auch eines unvollkommenen, wieder; undes ist das größte Zeichen von der genialen Tiefe jener beiden anderenMeister, daß sie der Sage von Tristan und Parzival eine solche Seiteabzugewinnen wußten, von wo aus behandelt sie als eine ganz eigen-thümliche Gattung der Epopöe betrachtet werden müssen. Wie wenigeAnlage dazu in den Quellen unserer Dichter lag, können wir, waö denTristan angeht, an Eilhart's Bearbeitung sehen, und was den Parzivalbetrifft, so liegt das in unseres Wolframs Wecke selbst klar am Tag?"").
Denn in seinen meisten Theilen finden wir all das Planlose derbritischen Gedichte wieder. Vieles was hier geschieht und vorfällt, scheintkein Ziel und kein Ende zu haben; Begebenheit reiht sich an Begebenheitohne inneren Zusammenhang; wir sehen Menschen bald in diesem Zu-stande bald in jenem, ohne bestimmte Ziele, ohne bestimmte Motive.Eigentliche Charaktere gibts hier nicht. Die Menschen unterscheiden sich
3i>6) Wolfram von Eschenbachs Werke, hsg. von Lachmann.. 1833. — Parzivalund Titurel, übers, und erläutert von Karl Simrock. 2 Thle. 1842. Der Parzival istnach Lachmann gegen 1205 begonnen, und gegen 1212 oder 1215 vollendet.